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„Dieses Album ist Anna Artobolevskaja, Heinrich Neuhaus, Lev Naumov und Maria Yudina, meinen Lehrern und Mentoren gewidmet.“ Alexei Lubimov

1913, 1925, 1942 und 1943 - Stationen der russischen Klaviermusik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Skrjabin, Strawinsky, Prokofjew und Schostakowitsch. Vier gewichtige Werke, Meisterwerke allesamt. Doch was verbindet sie miteinander? „Ich sehe diese Auswahl als ein Panorama unterschiedlicher Stilrichtungen“, sagt Alexei Lubimov: Eine vollkommen subjektive Auswahl sei „Messe Noire“, die mit gleichem Recht auch ganz anders aussehen könnte. Indessen darf man, wenn der Russe sein erstes Solo-Programm seit dem von der Kritik vor drei Jahren überschwänglich gelobten Album „Der Bote“ (ECM New Series 1771) vorlegt, nicht allein hoch reflektierte pianistische Kunst erwarten, sondern auch eine wohl durchdachte Dramaturgie.

In der verblüffend homogenen Zusammenstellung elegischer Miniaturen des „Boten“ – von Carl Philipp Emanuel Bach bis zu Valentin Silvestrov – überbrückte ein introvertiert versonnener Grundton mühelos den Zeitraum von drei Jahrhunderten: Betrübte, der Welt abhanden gekommene Seelen sangen sich da aus – ihre Verwandtschaft war unmittelbar ohrenfällig. „Messe noire“ beschränkt sich nun auf die kurze Spanne von 30 Jahren. Umso ausgeprägter sind die Kontraste zwischen den Werken, umso heftiger die Konflikte, die in ihnen ausgetragen werden.

Wie der „Bote“ für Lubimov, wie er selbst sagt, ein „neues“ Programm war, da es seine Repertoireinteressen seit den neunziger Jahren widerspiegelte, so ist „Messe Noire“ ein vergleichsweise „altes“. Schon in seinen Studienjahren am Moskauer Konservatorium hat der Pianist die Stücke immer wieder gespielt. Er hat mit ihnen gelebt, sich mitunter aber auch an ihnen gerieben. Als einer der ersten hat sich Lubimov in der Sowjetunion für die westliche Avantgarde eingesetzt, für Schönberg, Webern, Stockhausen und Boulez. In den späten sechziger Jahren besorgte er in Moskau gegen den erheblichen Widerstand des Regimes Erstaufführungen von Werken der amerikanischen Komponisten Charles Ives, John Cage und Terry Riley. Schostakowitsch und Prokofjew interessierten ihn damals weniger.

Die Kombination der siebten Prokofjew-Sonate mit Schostakowitschs zweiter, die 1942 respektive 1943 entstanden und beide tief von den Ereignissen des zweiten Weltkrieges gezeichnet sind, fasziniert ihn nicht nur auf Grund der stilistischen Verwandtschaft der beiden Stücke. Gerade „ihre vollkommen unterschiedliche emotionale Aura“ setzt sie reizvoll zueinander in Beziehung. Schostakowitsch, der zwischen der siebten, der Leningrader Symphonie und der nicht minder monumentalen „Achten“ an seiner zweiten Sonate arbeitete, evoziert Leiden und Angst. Über weite Strecken ist der Satz karg und dünn. Halt, ja Zuflucht sucht der Komponist in der neoklassizistischen Hinwendung zu kompositorischen Modellen des Barock. In seinem Booklettext zur vorliegenden Aufnahme deutet Reinhard Schulz die schlichte Motorik als Aufforderung, „in diesen Zeiten um jeden Preis“ weiterzumachen: „Mehr und mehr, vertieft vom sehr einsamen Gesang des zweiten Satzes, gibt die Sonate preis, dass diese Aussage ihr tiefer Gehalt, ihr Reichtum ist.“
Prokofjew hingegen ringt sich aller wütenden Konfrontationen zum trotz eine Positivität ab, die, wie Lubimov bemerkt, durchaus angestrengte Züge trägt. Nach ihrer Uraufführung durch Svjatoslav Richter wurde die siebte Sonate mit einem Stalinpreis zweiter Klasse ausgezeichnet. Heute ist sie ein Standardwerk, eine „Pièce de résistance“ aller Klaviervirtuosen. Bei beiden Werken gestaltete sich der Schaffensprozess übrigens eher mühsam. Prokofjew entwarf seine siebte Sonate zeitgleich mit der sechsten in Moskau. Erst während seiner Evakuierung in Tiflis gelang ihm jedoch die Niederschrift innerhalb weniger Tage. Die erhalten gebliebene Erstschrift der zweiten Schostakowitsch-Sonate wiederum ist übersät von Streichungen und Korrekturen. Ursprünglich plante der Komponist offenbar sogar eine Fuge in das Werk zu integrieren.

„Schostakowitsch und Prokofjew komponierten pro domo - in Moskau und für Moskau. Beide Sonaten sind untrennbar mit Ort und Zeit ihrer Entstehung verbunden“, bemerkt Alexei Lubimov. Demgegenüber repräsentieren Skrjabin und Strawinsky den kosmopolitischen Typus des russischen Komponisten. Dabei sind auch ihre Werke in Lubimovs Programm polar aufeinander bezogen.

„Selten nur wurden mit solcher Konsequenz strukturelle Logik und vibrierende Freiheit zusammengedacht“, schreibt Reinhard Schulz über Skrjabins neunte Sonate, die in kaum mehr als acht Minuten den hämmernden Triumph satanischer Kräfte über das „schlummernde Heiligtum“ (Skrjabin) in Töne fasst. Der vor 90 Jahren allzu früh Verstorbene schaut 1912/13 weit voraus in eine mysterienschwangere und doch vollends düstere Zukunft.

Strawinsky, der Komponist des „Sacre“, auch er ein Visionär des Jahres 1913, blickt 1925 bereits zurück. Zwischen der Klaviersonate und dem „Oedipus Rex“ schrieb er die kaum zwölf Minuten dauernde Serenade in A, die die CD in trügerischer Heiterkeit eröffnet. „In den einzelnen Stücken halte ich Momente fest, die für diese Art Musik bezeichnend sind“ – so lauten Strawinskys lapidare Bemerkungen zu den vier Sätzen „Hymn“, „Romanza“, „Rondoletto“ und „Cadenza finale“.
Lubimov betrachtet Strawinsky heute als einen der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts überhaupt: „Strawinsky hat die Postmoderne vorweggenommen. Seine Werke sind lebendig und ansprechend, gerade in ihrer zumeist nur minimalen inneren Entwicklung.

***

Alexei Lubimov wurde 1944 in Moskau geboren. Am Konservatorium der sowjetischen Hauptstadt war er einer der letzten Schüler des legendären Klavierpädagogen Heinrich Neuhaus. Früh entwickelte sich sein Interesse an der Alten Musik. Nicht minder ausgeprägt war sein Engagement für die Zeitgenossen, insbesondere für die Komponisten der westlichen Avantgarde. Als seine Karriere in den siebziger Jahren immer stärkere Restriktionen erfuhr gründete Lubimov das Moskauer Barockquartett, das ihm Gelegenheit gab, zahlreiche Werke der Alten Musik auf historischen Tasteninstrumenten aufzuführen – eine Pioniertat in der damaligen Sowjetunion. 1988 gründete er das Avantgarde-Festival „Alternativa“.
Seit den achtziger Jahren tritt Lubimov verstärkt im Ausland auf. Er hat mit zahlreichen bedeutenden Orchestern und namhaften Dirigenten konzertiert und spielt Kammermusik mit Partnern wie Christian Tetzlaff, Natalia Gutmann und Andreas Staier.

Seine umfangreiche Diskographie beinhaltet Werke vom Barock bis zur Gegenwart.
Bei ECM New Series sind bisher drei Produktionen mit Alexei Lubimov erschienen. Die Aufnahme „Der Bote“ erklärte der New Yorker zu einer der „most distinctive discs of 2002“. Russell Platt schrieb: „The performances are so hauntingly persuasive that each one seems indispensable.” Auch die Silvestrov-CD „Metamusik / Postludium” (ECM New Series 1790), auf der der Pianist an der Seite des Radio-Sinfonieorchesters Wien unter Leitung von Dennis Russell Davies zu hören ist, erhielt enthusiastische Rezensionen. Mit dem Keller-Quartett hat Lubimov darüber hinaus das Klavierquintett von Alfred Schnittke eingespielt (ECM New Series 1755). Im September dieses Jahres, zum siebzigsten Geburtstag von Arvo Pärt, erscheint „Lamentate“ mit der Ersteinspielung von Pärts „Lamentate“. Alexei Lubimov übernimmt den Solopart in dem 2002 entstandenen Werk für Klavier und Orchester. Das Stuttgarter Sinfonieorchester des SWR wird dirigiert von Andrey Boreyko.

Die CD-Packung enthält ein 16-seitiges Booklet mit einem Essay von Reinhard Schulz (deutsch/englisch).

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