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Ich bin überzeugt, dass Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eins draus.
Robert Walser

„Scardanelli“, die originale Tonspur mit Texten und Musik aus Harald Bergmanns Film, präsentiert sich in dieser Veröffentlichung als Hörstück. Momentaufnahmen aus Hölderlins späten Jahren, als er sich Scardanelli nannte, werden hier zu Hörbildern von raffiniert fingierter Authentizität: man glaubt Hölderlin zu sehen, selbst im Kreise seiner Zeitgenossen zu sitzen. Walter Schmidinger liest die Hölderlin-Texte und Gedichte mit der Eindringlichkeit der Anverwandlung: er ist Scardanelli. Der Klang der Worte und die Schwingungen der Sprache nehmen den Hörer auf eine Zeitreise mit.

Im letzten Teil seiner Hölderlin-Trilogie nähert sich der Filmemacher Harald Bergmann dem Dichter Friedrich Hölderlin in dessen zweiter Lebenshälfte an, jenen 36 Jahren, die dieser krank, vermeintlich wahnsinnig, unter der Obhut des Schreinermeisters Zimmer in seinem Tübinger Turm verbrachte, dichtend, zeichnend, klavierspielend. Er nannte sich Scardanelli und lehnte es entschieden ab, sich mit Hölderlin ansprechen zu lassen. Die Gedichte aus dieser Zeit, die er seinen Besuchern schenkte, pflegte er mit den Worten „Mit Unterthänigkeit Scardanelli“ zu unterzeichnen, ergänzt durch ein Datum zwischen dem 3. März 1648 und dem „9. Merz 1940“. Mit „Scardanelli“, einer filmischen Collage aus Spielszenen, Musik, Trickanimation und Sprache, deren Dialoge und Zeugenaussagen sämtlich auf überlieferten Berichten beruhen, wollte Bergmann herausfinden, wie dieser späte Hölderlin im Turm vorzustellen sei.
In dieser Annäherung lässt der Filmautor die Frage, ob Hölderlin verrückt war oder nicht, ausdrücklich unbeantwortet. Nicht im „Wahnsinn“ oder einer möglichen Krankheit könne das Geheimnis dieses Dichters liegen, sondern in der Fortdauer der künstlerischen Produktion unter den Bedingungen einer Krankheit. „Ich wollte dieses Geheimnis nicht entschlüsseln, sondern ihm näher rücken, (ein wenig) in Scardanellis Werkstatt sein, wollte der Person Hölderlins, diesem zur Legende verklärten Menschen, näher kommen“, sagt Bergmann. Ihm gilt es, beide Wahrheiten nebeneinander bestehen zu lassen. Wesentlich sei doch und unzweifelhaft, dass der Dichter weiterhin schöpferisch tätig war. Überliefert ist, dass er zeitweise jedes Blatt beschrieb, das ihm unter die Hände kam, gut 50 Gedichte sind aus dieser Zeit erhalten geblieben.
Die Gedichte Scardanellis aus den Turmjahren stehen im Mittelpunkt dieses Hörbuchs. Sie werden von Walter Schmidinger mit der reizbaren Stimme desjenigen, der die Schwankungen der Empfindungen und Geisteszustände zu durchleben hatte, manchmal tastend, manchmal bedingungslos emphatisch gelesen: zürnend oder schmerzvoll, manchmal von Verwirrung verschattet, manchmal in hellster Klarheit, immer eindringlich und erhellend. Der gerühmte und vielfach preisgekrönte Schauspieler - international bekannt durch seine Rollen in Ingmar Bergmanns Filmen „Aus dem Leben der Marionetten“ und „Das Schlangenei“ sowie Maximilian Schells „Geschichten aus dem Wienerwald“ - verleiht Hölderlin/Scardanelli nicht nur eine Stimme, sondern auch einen Körper.

Auf der CD verdichten sich die Texte mit Dialogen und Zeugenaussagen von Zeitgenossen Hölderlins, etwa denen seines Biographen Christoph Theodor Schwab, zu einem feinnervigen Hörstück. Auch die Zeitgenossen, die uns nur in ihren schriftlichen Zeugnissen gegenwärtig sind, erhalten eine Stimme und damit einen Körper: Sie werden von André Wilms, Udo Koschwald, Geno Lechner und anderen ins Leben gerufen – und durch die Musik von Schubert, Mozart, Bach sowie die Originalmusik von Peter Schneider auf dem Scardanelli-Klavier auf andere Ebenen der Wahrnehmung gehoben.
Am Ende ist der Zuhörer gewiss, dass er soeben von einer Zeitreise zurückgekehrt ist.

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