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Offenheit sei das Motto seines Lebens, hat Gidon Kremer letzthin in einem Interview gesagt, „Offenheit allem Neuen gegenüber“. Nicht allein von zeitgenössischen Kompositionen war dabei die Rede, für die der Geiger sich unermüdlich einsetzt oder von ungewöhnlichen Fassungen bekannter Werke, für die er eine Vorliebe hegt. Kremer sprach vielmehr von seiner Freude an neuen Ensemblekonstellationen, vom Reiz des künstlerischen Austauschs mit jungen, begeisterungsfähigen Musikern – wie jenen seiner 1997 gegründeten Kremerata Baltica, mit der er einen großen Teil jedes Jahres probt und konzertiert.
Das außergewöhnliche interpretatorische und technische Niveau dieses Ensembles demonstriert die Aufnahme von Franz Schuberts Streichquartett in G-Dur in der Fassung für Kammerorchester von Victor Kissine. Sie entstand in der Kirche des burgenländischen Lockenhaus, wo der Geiger seit 1981 alljährlich sein Kammermusik-Fest abhält. Der plastische Klang der CD evoziert die räumlichen Verhältnisse mit größter Genauigkeit und schafft damit ein akustisches Pendant jener Offenheit, die Kremer zu seinem Credo erklärt.

Offenheit schließt Treue nicht aus: Zu Schuberts Musik hat Kremer seit Jahren eine besondere Affinität. Kein anderer Geiger unserer Zeit setzt sich so umfassend mit dem Wiener Meister auseinander. Neben den zentralen Violinwerken hat der gebürtige Lette auch die drei „Sonatinen“ und eine Reihe kleinerer Stücke in exemplarischen Interpretationen auf Tonträger eingespielt. Die zerbrechliche Schönheit von Schuberts Musik entspricht Kremers feinnerviger Musizierhaltung ebenso wie ihre oft abrupten Brüche und Risse. Andererseits reizen die immensen technischen Schwierigkeiten den Virtuosen in Kremer.
Auch der Kammermusik von Franz Schubert hat er sich immer wieder gewidmet. Unter den Streichquartetten hat er sich wiederholt mit dem 1826 entstandenen letzten Gattungsbeitrag in G-Dur beschäftigt. Ein weiterer Aspekt verstärkte Kremers spontanes Interesse an Victor Kissines Orchestrierung des Werkes: Wie er im Einführungstext zur vorliegenden CD berichtet, war er seit der Gründung der Kremerata beständig auf der Suche nach geeigneter Literatur zur Erweiterung des Streichorchester-Repertoires. Dabei verband sich ein quasi didaktischer Aspekt – die Absicht, die jungen Musiker an komplexe Kompositionen heranzuführen – mit dem persönlichen Wunsch, die Werke mit jungen Partnern noch einmal neu zu beleuchten.

Kissines Orchestrierung des Schubert’schen G-Dur-Quartetts erfuhr in der engen Zusammenarbeit mit Gidon Kremer entscheidende Modifikationen und Verfeinerungen. Wie skrupulös sich Bearbeiter und Interpret dabei um den Geist von Schuberts Partitur bemühten, geht aus ihrem Briefwechsel hervor, der in Auszügen im Booklet dieser CD abgedruckt ist. Victor Kissine, der 1953 in St. Petersburg geboren wurde und seit 1990 in Belgien lebt, hat als Komponist ein umfangreiches Œuvre vorgelegt, das beinahe alle Gattungen und unterschiedlichste Besetzungen berücksichtigt. Seine Schubert-Orchestrierung greift die evidenten orchestralen Qualitäten des Stückes auf, schafft darüber hinaus aber ein sehr fein gestaffeltes Spektrum vom intimen Soloquartett bis zum voluminösen Tutti – beispielhaft zu hören gleich zu Beginn des ersten Satzes. Jedes Kontrabass-Pizzikato, jede Auffüllung eines Akkords, vor allem aber die äußerst differenzierten Besetzungsstärken der Streicherchöre zwischen Solo und Tutti sind dabei minutiös in den formalen Zusammenhang eingebettet.

Schuberts letztes Quartett – das Werk eines 29-Jährigen – ist eines der umfangreichsten seiner Zeit neben dem fast gleichzeitig entstandenen Beethoven’schen B-Dur-Quartett Opus 130. Auch die spieltechnischen Anforderungen der Partitur gehen in extreme Bereiche. Anders als das „Rosamunde“-Quartett und „Der Tod und das Mädchen“ weist das G-Dur-Opus keine Bezüge zu Schuberts Liedschaffen auf, was seine geringere Popularität erklären mag. Erst 1850 fand die Uraufführung durch das Hellmesberger-Quartett statt. Während „Der Tod und das Mädchen“ schon von Gustav Mahler für Streichorchester bearbeitet wurde und häufiger in chorischer Besetzung aufgeführt wird, war das G-Dur-Quartett bislang nicht orchestriert worden.

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Gidon Kremer, geboren 1947 in Riga, studierte bei Pjotr Bondarenko und David Oistrach und war Sieger bedeutender Wettbewerbe. 1980 siedelte er in den Westen über, 1981 gründete er sein Kammermusik-Festival in Lockenhaus. Den ECM New Series ist er von Anfang an verbunden. Auf „Tabula Rasa“ mit Werken von Arvo Pärt, der 1984 veröffentlichten ersten New-Series-Produktion überhaupt, war er, begleitet von Keith Jarrett, mit dem Stück Fratres zu hören. Eine Dokumentation der ersten Lockenhaus-Jahrgänge auf vier CDs mit Werken von Schostakowitsch, Schulhoff und anderen schloss sich an. 1998 nahm Kremer für ECM Giya Kanchelis „Lament“ auf; 2005 folgte die Kancheli-Produktion „In l’istesso tempo“, mit der die Kremerata Baltica ihr ECM-Debüt gab. Die vorliegende CD eröffnet eine Phase der intensiveren Zusammenarbeit zwischen Gidon Kremer und ECM: Im Oktober veröffentlicht ECM Kremers Neuaufnahme der Sonaten und Partiten für Violine solo von Bach.

Die 1997 von Gidon Kremer gegründete Kremerata Baltica, die sich aus knapp 30 jungen Musikern aus den baltischen Republiken zusammensetzt, hat sich innerhalb weniger Jahre einen ausgezeichneten internationalen Ruf erworben. 2002 wurde das Ensemble mit einem Grammy ausgezeichnet. Die Kremerata ist ständiger Gast der wichtigen Konzerthäuser und bedeutenden Festivals. Jährlich gibt sie rund 60 Konzerte, überwiegend unter der Leitung ihres künstlerischen Direktors Gidon Kremer. Neben den klassischen Werken der Kammerorchester-Literatur bildet die zeitgenössische Musik Osteuropas einen wesentlichen Repertoire-Schwerpunkt. Komponisten wie Pärt, Kancheli, Vasks, Desyatnikow und Raskatow haben Auftragswerke für die Kremerata geschrieben.

Pressestimmen zur Kremerata Baltica:
„Die Kremerata Baltica ist ein Kammerorchester von seltener Qualität. Die jungen Musikerinnen und Musiker sind geübt ohne eigentlichen Dirigenten zu spielen, sie kommunizieren wie ein Kammerensemble miteinander. Ihr Streicherklang ist eindrücklich homogen, farbig und warm.“ Neue Zürcher Zeitung

„Gidon Kremer, the great Latvian violinist, and the brilliant chamber orchestra he has drawn from his own and neighbouring republics performed with flair, intensity, precision and delicacy.” The Independent

Das 30-seitige Booklet (deutsch / englisch) enthält einen Einführungstext von Gidon Kremer sowie Auszüge eines Briefwechsels zwischen Kremer und Victor Kissine.

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