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About ECM

So unangestrengt und natürlich, so souverän proportioniert war diese Musik noch selten zu hören: Ein Jahr nach Gidon Kremers faszinierend subjektiver und emotional hoch gespannter Neuaufnahme der „Sei solo“ von Johann Sebastian Bach stellt ECM New Series einen weiteren, nicht minder fesselnden Ansatz vor. John Holloway, einer der profiliertesten Barockgeiger unserer Zeit, beschäftigt sich seit 40 Jahren übend und studierend mit Bachs Solowerken. Als Spezialist für das Repertoire bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts sieht er Bach nicht aus dem Blickwinkel der romantischen und modernen Violinliteratur, sondern im Kontext seiner Vorläufer und Zeitgenossen. Im Umfeld von Komponisten also, deren Werke er in den vergangenen Jahren in viel gelobten Aufnahmen vorgelegt hat: Schmelzer, Biber, Veracini etc. Wie diese ist auch Holloways Bach in der ausgezeichneten Akustik der österreichischen Propstei St. Gerold entstanden.

Holloways Herangehensweise bringt den Ausnahmerang der Werkgruppe besonders deutlich zum Vorschein. „Natürlich haben schon Vilsmayr, Biber, Westhoff oder Pisendel bemerkenswerte Stücke für unbegleitete Violine geschrieben“, sagt der Geiger. „Nichts weist allerdings auch nur entfernt auf diese Vollkommenheit voraus. Wenn wir Bachs Sonaten und Partiten als Everest der Violinliteratur bezeichnen, dann müssen wir uns klar machen, dass dieses Massiv völlig unvermittelt aus einer Ebene emporsteigt. Wir stehen einer so noch nicht da gewesenen Verbindung von musikalischer Qualität, technischen Schwierigkeiten und einem enormen intellektuellen Reichtum gegenüber.“

Historisch informierte Spielweise bedeutet für Holloway konkret: „The more you know, the more you understand.“ Seine umfänglichen Recherchen kreisten immer wieder um die Frage, zu welchem Zweck die Solissimo-Werke komponiert wurden. Eines der überraschenden Ergebnisse ist sicherlich Holloways Erkenntnis, dass Bach jeden Ton, jede Artikulation, jeden Bindebogen als versierter und aktiv praktizierender Geiger notiert haben muss. „Alles, was er schreibt, ist spielbar, es ist immer vom Instrument her gedacht und technisch oft höchst originell.“ Bachs Interesse am Systematischen war es, so Holloway, das ihn veranlasste, ein Kompendium der Technik dieses Instruments vorzulegen, in Verbindung mit einer Enzyklopädie möglicher Kompositionsweisen für Violine. Holloway spricht von einer „Art Violin-Übung für sich selbst, die gleichzeitig die Grenzen dessen abstecken sollte, was er selbst und andere Geiger in der Zukunft zu leisten hätten.“

„Was will Bach mir beibringen?“, lautet somit eine zentrale Frage des Geigers an sich selbst bei der Auseinandersetzung mit dem Notentext. Ein didaktischer Ansatz verbirgt sich seiner Ansicht nach nicht nur hinter der immensen Vielfalt der Satzformen und Kompositionstypen oder der Art, wie Bach in jedem Satz einen speziellen Aspekt herausarbeitet. Lehrbuchhaft erscheint insbesondere die Vollständigkeit der technischen Anforderungen: Außer dem Staccato werden alle bekannten Stricharten erprobt; jede denkbare Art des Saitenwechsels ist vertreten, und natürlich gibt es die gefürchteten mehrstimmigen Akkorde in jedweder Konstellation. Das soll gerade nicht heißen, dass die Sonaten und Partiten hier zum Etüdenwerk deklariert werden, vielmehr begreift Holloway das vermeintlich bloß „Technische“ als entscheidende Informationsquelle zur Idiomatik der Kompositionen. Konsequenterweise spielt er ausschließlich nach dem Autographen und befolgt grundsätzlich jeden Bindebogen – was in der Interpretationsgeschichte einer kleinen Sensation gleichkommt. „Was im Laufe der Aufführungsgeschichte immer wieder als unrealisierbar oder zumindest ungeigerisch verworfen wurde, liefert in Wahrheit essentielle Hinweise für die Aussprache des Textes: Die vorgeschriebenen Bogenstriche verraten viel über Dynamik oder die adäquaten Tempi.“

Schon das Schriftbild des berühmten Autographs der „Sei solo“ ist für Holloway eine wichtige Inspirationsquelle: „Diese kalligraphische Handschrift sieht wunderbar lebhaft aus, selbstbewusst und schwungvoll. Aber eben auch sehr fein und ziseliert wie ein Fabergé-Ei. All das muss auch in der Interpretation zusammenkommen: Schönheit und Genauigkeit, persönliche Aussage und universelle Bedeutung.“

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John Holloway, geboren 1948, ist ein Pionier der historischen Aufführungspraxis. Mehrere Jahre lang war er Konzertmeister der London Classical Players und trat als Solist mit Ensembles wie der Academy of Ancient Music, dem Taverner Consort und dem Freiburger Barockorchester auf. Seine Einspielung der „Rosenkranz“-Sonaten von Biber wurde 1991 mit einem Gramophone Award ausgezeichnet. Die ECM-Aufnahmen mit Werken von Biber, Schmelzer und Muffat erhielten von der internationalen Kritik einhelliges Lob. Holloways Auswahl aus dem Sonatenwerk Francesco Maria Veracinis, die Ende vergangenen Jahres herauskam, wurde in „The Strad“ für ihren „außerordentlichen Geschmack“ gerühmt. Seit 1999 ist Holloway Professor für Violine und Streicherkammermusik an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden.



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