News/Special Offers
Artists
Catalogue/Shop
Tours
Links
About ECM

Gidon Kremer darf sich der gespannten Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicher sein, wenn er ein knappes Vierteljahrhundert nach seiner ersten Aufnahme der Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach eine neue Gesamteinspielung des singulären Werkkomplexes vorlegt. In den vergangenen Jahren hatte er Bachs Solowerke mit Ausnahme der „Chaconne“ im Konzert kaum aufgeführt. Zwischenzeitlich schien es, als spiele der eigentliche Kanon der Geigenliteratur für den rastlos Neugierigen, den Freund des Ungewöhnlichen und Unerhörten nur mehr eine untergeordnete Rolle. Neben der Vielzahl anderer Aufgaben trat die intime Auseinandersetzung mit den zentralen Prüfsteinen des Repertoires ein wenig in den Hintergrund. Jetzt aber widmet er sich aufs Neue der größten geigerischen Herausforderung überhaupt, Bachs „Sei Solo“.

Die Aufnahme entstand an zwei Orten, mit denen Kremers Biographie besonders eng verbunden ist: In der Reformationskirche seiner Geburtsstadt Riga spielte er die Sonaten ein, die Partiten in der Pfarrkirche des burgenländischen Lockenhaus, wo seit 1981 alljährlich sein berühmtes Kammermusikfest stattfindet. Wer Gidon Kremers künstlerische Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren verfolgt hat, wird kaum mit einer in erster Linie an aufführungspraktischer Korrektheit orientierten, historisierenden Interpretation rechnen – und dennoch feststellen, dass gerade Tonbildung und Artikulation sich entscheidend gewandelt haben. Noch immer ist dieses Bach-Spiel ebenso von Spontaneität und Risikobereitschaft bestimmt wie vom hoch entwickelten Strukturbewusstsein des Intellektuellen, das der charakteristischen Verbindung populärer und gelehrter Momente der Kompositionen auf so außerordentliche Weise gerecht wird.

Den Maßstab der Beurteilung hat Kremer einst selbst gesetzt: 33 Jahre war er alt, als er 1980 im niederländischen Haarlem zum ersten Mal mit den Sonaten und Partiten ins Studio ging. Nicht lange lagen seine umjubelten Debüts in den Konzertsälen der freien Welt zurück; es war die Phase der dauerhaften Übersiedlung in den Westen. Über die seit längerer Zeit aus dem Katalog gestrichene Philips-Produktion urteilte Albrecht Roeseler in seinem Standardwerk Große Geiger unseres Jahrhunderts, sie stelle sich „an die Spitze der meisten derzeit existierenden, zu ihrer Entstehungszeit jeweils fast ehrerbietig begrüßten und kommentierten Einspielungen von Menuhin, Milstein, Szeryng, Szigeti und anderen.“ Kremer spiele, von Jascha Heifetz einmal abgesehen, „einfach erheblich besser, aufregender und souveräner Geige“ als die Konkurrenten, so Roeseler.

Eine ebenso intensive wie vielseitige Karriere hat seither ihren Lauf genommen. Begegnungen mit Musikern wie Luigi Nono, Sofia Gubaidulina, Arvo Pärt oder Nikolaus Harnoncourt waren es, die Kremer, wie er selbst sagt, im Laufe der Jahre „Wege in der Musik andeuteten, die auch mein Bach-Verständnis beeinflusst haben.“ Die Motivation, sich den Kosmos der Bach’schen Solowerke noch einmal neu zu erschließen, benennt er charakteristischerweise mit drei Fragen – wie um anzudeuten, dass ein sehr persönlicher innerer Antrieb den Ausschlag gegeben haben mag, der sich der verbalen Festlegung letztlich entzieht: „War es die Tatsache, dass es sich hier um den Gipfel der Solo-Literatur für Violine handelt? Dass ich mir bewusst war, dass sehr viel Gehörtes meinen Erwartungen nicht entspricht? Dass ich das Gefühl verspürte, ich müsse mich, jetzt oder nie, noch einmal Bach widmen?“ Das „Wunder der ‚Sei’ als solches“ habe ihn bewegt, betont Kremer. So sei das Bedürfnis entstanden, „dieses Erlebnis mit Gleichgesinnten zu teilen.“ Er selbst betrachtet die vorliegende Interpretation „als eine Art Vermächtnis des Geigers GK“, eindeutig jedenfalls als ein „letztes Statement“ zu Bach: „Ich wusste es und stehe noch heute dazu: Es wird keine weitere Aufnahme der ‚Sei’ mehr von mir geben.“ Wie stark sich Kremer mit dieser Produktion identifiziert ist den beiden Essays zu entnehmen, die Kremer eigens für das umfangreiche Booklet der Doppel-CD verfasst hat.

Es steht hörbar mehr auf dem Spiel als instrumentales oder interpretatorisches Gelingen im herkömmlichen Sinne: „Bemüht man sich zu sehr darum, ,richtig’ zu sein, so verfehlt man wohl den Geist des Schaffenden, dem es um eine Aussage geht, die über und jenseits der eigenen Fähigkeiten liegt.“ Um diese „Aussage“ ist es Kremer zu tun, um ein „Mystisches hinter den Noten“ mithin. Lipatti, Gould und Gulda, Casals, Enescu und Menuhin, aber auch Nikolaus Harnoncourt gehören in dieser Hinsicht zu Kremers Vorbildern: Musiker, die ihn gelehrt hätten, Bach als noch „humaner, durchsichtiger und noch geheimnisvoller“ zu begreifen. Vor diesem Horizont wird musikalische Interpretation wieder zum Wagnis: Eine Unternehmung mit hohem Einsatz – aber offenem Ausgang. Kremer weiß das: „Ob es mir gelungen ist, der Vermittler einer (nahezu geheimen) Botschaft zu sein, wie ich es mir gewünscht hatte, kann ich nicht beurteilen. Das können jene tun, denen das Vergleichen und Nachforschen mehr Spaß macht als mir, dem ständig Zweifelnden.“

***

Gidon Kremer, geboren 1947 in Riga, studierte bei Pjotr Bondarenko und David Oistrach und war Sieger bedeutender Wettbewerbe. 1980 siedelte er in den Westen über. Kremer erheilt zahlreiche Ehrungen, darunter den Ernst von Siemens Musikpreis. 1981 gründete er sein Kammermusik-Festival in Lockenhaus, 1997 das Kammerorchester Kremerata Baltica, das sich aus jungen, außergewöhnlich talentierten Musikern der baltischen Republiken zusammensetzt. Seit 2002 ist er künstlerischer Leiter des Festivals „les muséiques“ in Basel.
ECM New Series ist Kremer von Anfang an verbunden. Auf „Tabula Rasa“ mit Werken von Arvo Pärt, der 1984 veröffentlichten ersten New-Series-Produktion überhaupt, war er, begleitet von Keith Jarrett, mit dem Stück Fratres zu hören. Eine Dokumentation der ersten Lockenhaus-Jahrgänge auf vier CDs mit Werken von Schostakowitsch, Schulhoff und anderen schloss sich an. 1998 nahm Kremer für ECM Giya Kanchelis Lament auf; 2005 folgte die Kancheli-Produktion „In l’istesso tempo“, mit der die Kremerata Baltica ihr ECM-Debüt gab. Zusammen mit der Kremerata legte er im August dieses Jahres die Aufnahme des Streichquartetts G-Dur von Franz Schubert in der Orchestrierung von Victor Kissine vor (ECM New Series 1883).

Doppel-CD mit umfangreichen Booklettexten von Gidon Kremer und Victor Kissine (englisch / deutsch / französisch).

Back