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About ECM

Der Rückblick liegt nahe, wenn der estnische Komponist Arvo Pärt am 11. September seinen 70. Geburtstag begeht: Vor 21 Jahren begann mit „Tabula rasa“ (ECM 1275) nicht nur die viel gerühmte Reihe ECM New Series, sondern auch eine wunderbare Zusammenarbeit zwischen Label-Chef Manfred Eicher und Arvo Pärt. Wahrhaft neu, was damals zu hören war und seither auf nahezu einem Dutzend weiterer New-Series-Produktionen sein Faszinosum bewahrt hat: In Pärts Musik pulsiert die Schönheit des einzelnen Tons, das hohe Glitzern seines vom Lateinischen tintinnabulum (= Klingel, Glöckchen) abgeleiteten „Tintinnabuli“-Stils, ein Glitzern aus Tönen, die einander umspielen, umschlingen, sich zu reinen Dreiklängen weiten oder im Sekundabstand verharren. Dass biblisch-christliche Lebenswelten den Urgrund von Pärts Komponieren bilden, belegen viele seiner Textvorlagen und Werktitel wie „Passio“, „Miserere“, „Te Deum“, „Litany“, „Wallfahrtslied“… Die jüngste Einspielung zweier neuer Werke setzt diese Linie fort: Dem großen „Lamentate“ (2002) ist ein „Da pacem Domine“ (2004) voran gestellt.
Der Anlass der Auftragskomposition, deren erste Titelformulierung „LamenTate“ auf den Ort der Uraufführung (2003) anspielt, lässt das noch nicht erkennen. In Londons Galerie Tate Modern, in einer ehemaligen Turbinenhalle gewaltiger Ausmaße, steht eine mächtige Skulptur des britischen Künstlers Anish Kapoor: „Marsyas“. Unter dem bestürzenden Eindruck des Kunstwerks, nicht des antiken Marsyas-Mythos, entstand die Komposition. Wie das Schicksal des Marsyas – der auf dem Aulos, der Doppelflöte, mit Apollos Saitenspiel konkurrieren wollte und zur Strafe vom Gott lebendigen Leibes gehäutet wurde – Kapoor inspirierte, so dessen wie riesenhafte Schalltrichter ausgespannte Kunststoff-„Haut“ den Komponisten. „Meine erste Impression war: Ich als Lebendiger stehe vor meinem eigenen Körper und bin tot“, sagt Arvo Pärt. Er habe „ein Klagelied geschrieben, ein Lamento, nicht für Tote, sondern für uns, die Lebenden, die diese Frage für sich lösen müssen – für uns, die es nicht leicht haben, mit dem Leid und der Verzweiflung der Welt umzugehen“.
Diese Klage fasst Pärt in ein musikalisches Idiom, das mit seinen vertrauten Elementen zugleich über alles Vertraute hinaus weist. Sie zwingt die Hörenden in ihren Bann, die Aufforderung zu klagen – Lamentate = Klagt! – bezieht diese ein. Was sie nicht unmittelbar hören können: Mit dieser Klage steht ein zutiefst niedergeschlagener, sich dem Tode nahe fühlender Mensch vor seinem Erlöser. Es ist eine Bitte um Erbarmen, mit den Worten eines Troparions – eines uralten liturgischen Gebets der Ostkirche – in altslawischer Sprache. Pärt unterlegt es weiten Teilen der Orchesterpartitur als Subtext (eine englische Übersetzung ist beigefügt). Pärt verbirgt nach außen, was die Musik insgeheim bewegt und auch in ihrer Struktur entscheidend prägt.
Zehn unterschiedlich lange, ihrem Stimmungsgehalt nach jeweils genau charakterisierte Abschnitte gliedern „Lamentate“. Alexei Lubimov, Klavier, und das SWR-Sinfonieorchester unter Andrey Boreyko werden der Stille wie der Wucht des Werkes in hohem Maße gerecht: In Diskantklängen leuchten Tintinnabuli-Visionen auf. Blechbläser setzen fanalartige Akzente. Trommel und Pauken erzeugen eine unheimliche Atmosphäre. In Vibraphon und Marimbaphon schweben manchmal nahezu unhörbar, jedoch stets präsent ätherische Botschaften. Und noch nie hat Pärt die klangliche und dynamische Palette des Klaviers, das sich immer wieder solistisch durchsetzt, so ausgereizt, zu immer neuen Wirkungen getrieben wie hier.
Nicht die Harmonie der Welt ist in Pärts Musik gespiegelt. Sie stellt die Frage nach der verletzten Harmonie der Welt. Sie gibt der gebrochenen Sehnsucht, der fernen Erinnerung an das verlorene Paradies eine Sprache. Das „Da pacem Domine“, Eingangsstück der „Lamentate“-CD, gibt dem beredt Ausdruck. Das alte Friedensgebet, von Martin Luther einst ins deutsche „Verleih uns Frieden gnädiglich“ gebracht, hat Arvo Pärt im lateinischen Original vierstimmig gesetzt, wahlweise auch mit Instrumenten. Doch a cappella wird der altmeisterliche Charakter, der Anklang an die Polyphonie der Niederländischen Schule erst ganz bewusst. In extrem gedehntem Zeitmaß fließen die kunstvoll ineinander verschränkten Töne dahin, vom Hilliard Ensemble in unglaublicher Spannung gehalten. Diese Interpretation ist zugleich die Botschaft. So bedachtsam, so skrupulös setzen vielleicht wirklich nur die Hilliards jeden Ton wie noch nie berührt an. Nur scheinbar handelt es sich um die alte Polyphonie. Als Stilzitat in der Schwebe gehalten, fügt sie sich ganz Pärts Haltung zu Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ein. Das konsonante Satzgefüge trägt die Dehnung in sich. In ganzen Noten singt der Alt die gregorianische Linie, mit dem Bass meist in Dezimen geführt, nur gelegentlich in Vorhalte und Schlussfloskeln ausweichend. Dazwischen schieben sich, durch Pausen getrennt, abwechselnd Sopran und Tenor, auch diese Stimmen in Oktav-, Dezim- oder Undezimintervallen geführt und fast ausnahmslos auf die Töne d und a beschränkt. Sie kontrapunktieren die gregorianische Friedensbitte mit schneidender Insistenz. Septimklänge und Sekundreibungen brechen die Harmonie auf. Und einmal verfälscht der liegende Ton f plötzlich den hinzu tretenden Zweiklang cis-e zu höchster Beunruhigung. Ohne Auflösung – die folgende Konsonanz setzt neu an. Die Ohren sind geöffnet für das Klagelied „Lamentate“.
Herbert Glossner

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