News/Special Offers
Artists
Catalogue/Shop
Tours
Links
About ECM

Was ist das für eine Musik, die so unermüdlich tanzt und pulsiert in ihrem Gegeneinander ungerader und gerader Metren? Bei all ihrer dynamischen Energie: Jazz ist es offensichtlich nicht. Obwohl Jazz einen Teil der musikalischen Sozialisation des Schweizer Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch bildet und Improvisation eine gewisse Rolle in seinen Stücken spielt, geht es hier nicht um subjektiven Ausdruck. Manche Besucher von Bärtschs Zürcher Clubkonzerten und eine Reihe von Pop-Kritikern glaubten bereits Affinitäten zu Trance oder Ambient zu entdecken, allerdings kommen auf "Stoa" keinerlei elektronische Loops zum Einsatz. Die komplexen und repetitiven Grooves der Ronin-Band entstehen ohne Overdubs in Echtzeit: Hochkonzentriert und diszipliniert verfolgen die Musiker ein sehr entschiedenes – wenn man so will: „stoisches“ – Konzept von rhythmischer Genauigkeit. Während die liegenden Klänge der Trance-Musik den Hörer in einen unkritischen Dämmerzustand versetzen können, weckt Bärtsch ihn auf. Erhöhte Aufmerksamkeit und Klarheit sind das Ziel.

Die ineinander verschränkten Rhythmen und modulartigen, auf Wiederholungen bestimmter Bauteile basierenden Konstruktionen mögen erfahrene Hörer an die pulsierenden Muster des klassischen Minimalismus erinnern. Die Klangwelt etwa Steve Reichs ist Bärtsch wohl vertraut, und er schätzt den Ansatz des Minimalismus, vermeintlich einfachem Material Zeit zur Entwicklung einzuräumen. Andererseits werden seine eigenen Stücke für Ronin durch Rhythmen und Beats vorangetrieben, nicht durch Pulse wie im Falle Reichs. Der Unterschied ist entscheidend. Während sich der Minimalismus häufig mit der Darstellung und Lösung eines gegebenen musikalischen Problems befasst, verlangt Nik Bärtsch nach mehr: Er genießt die körperliche Unmittelbarkeit der Band-Situation und deren organische Verflechtung der Texturen. Ronin spiele „Zen-Funk“, sagt Bärtsch und liefert damit einen Begriff, der sowohl beschreibend als auch provozierend gemeint ist – und zudem eine Portion an Zen-typischer Paradoxie enthält. Offen angesprochen ist damit aber auch der gleichzeitige Einfluss sowohl der östlichen Philosophie als auch der erdigen Ostinati und differenzierten Rhythmen James Browns auf die Musik des Schweizers.

Die Kompositionen von "Stoa" entstanden während eines sechsmonatigen Japan-Aufenthalts zwischen September 2003 und März 2004. Der Werkjahr-Preis der Stadt Zürich erlaubte es Bärtsch, sich endlich in jenem Land aufzuhalten, das ihn schon 20 Jahre lang magisch angezogen hatte. Das Erlebnis des Filmes „Ran“ von Akira Kurosawa hatte schon den 14-Jährigen schlagartig zur östlichen Ästhetik bekehrt. Ronin ist denn auch nach den Söldnern benannt (vgl. etwa Kurosawas „Sieben Samurai“), die keinem Herren dienten und keinem Clan verbunden waren. Die kultische Musik Japans, auch die des Nō-Theaters, hat die Arbeit von Ronin beeinflusst, allerdings eher unterschwellig. Elemente aus anderen Kulturen werden nicht offen übernommen, auch wenn die Musik auf philosophischer Ebene von vielen dieser Kulturen inspiriert ist.

Noch bevor Bärtsch seinen überfälligen Japan-Aufenthalt antreten konnte, war er in den Dunstkreis von ECM Records geraten. Anfang 2003 hörte Manfred Eicher Bärtsch bei einem Auftritt in der Zürcher Wasserkirche. Vermittelt durch eine gemeinsame Bekannte wurde ein Treffen in der Galerie Semina Rerum vereinbart, wo es zum ersten Gedankenaustausch kam. Einige Wochen später sahen sich Bärtsch und Eicher erneut, um konkretere Pläne für eine Platte zu diskutieren. Im fernen Kobe arbeitete Bärtsch anschließend an seinen Kompositionen. Gleichzeitig dachte er darüber nach, welche Musiker am besten dazu geeignet wären, diese aufzunehmen.

Nik Bärtsch wurde 1971 in Zürich geboren, und schon 1980 spielte er mit Ronin-Schlagzeuger Kaspar Rast zusammen, ermutigt von einem weitsichtigen Grundschullehrer, der die beiden auf Blues, Jazz-Standards und zeitgenössische Stücke (unter anderem von Chick Corea) ansetzte. Zwei Jahre später schrieben die beiden bereits neues Material für ihre frühreife Jazzband; inzwischen spielen sie seit einem Vierteljahrhundert zusammen. Bärtsch selbst studierte sowohl Klavier als auch Schlagzeug, wobei er das Klavier bei Ronin oft ebenfalls als Perkussionsinstrument verwendet. (Häufig spielt die gesamte Band perkussiv.) Bärtschs und Rasts langjährige gemeinsame Erfahrung prägt den Sound der Gruppe. Die geradezu intuitive Übereinstimmung der beiden ist in jedem Augenblick spürbar: „Das ist eine wirklich wichtige Verbindung. Es hat mir immer unglaublich geholfen, so viele Jahre lang einen hervorragenden Drummer an meiner Seite zu haben“, sagt Bärtsch.

Neun Jahre lang lernte Bärtsch Jazz-Klavier und begann erst im Alter von 16 Jahren mit dem klassischen Unterricht. Nachdem er an der Zürcher Musikhochschule sein Diplom erhalten hatte, nahm er ein Studium der Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaft an der Universität Zürich auf und spielte nebenher in verschiedensten Bands – „alles zwischen Fusion und Free-Funk und jeder Form von extrovertiertem Jazz.“ In dieser Phase wuchs Bärtschs Interesse an den Komponisten der Gegenwart, besonders an John Cage und Morton Feldman. „Ich war fasziniert von der Reduktion der musikalischen Mittel bei Cage, von Feldmans Gedanken über Licht, und ich fühlte mich ebenfalls angesprochen von Steve Reichs Schriften, in denen er darlegt, wie Material Form erzeugt. Über diese Dinge habe ich sehr viel nachgedacht.“

In dem Maße wie sich Bärtschs Interesse am Komponieren entwickelte, ließ sein Bedürfnis Live-Jazz zu spielen nach. Er gab Solokonzerte und stellte 1997 die akustische Gruppe Mobile zusammen, die nach Auskunft von Bärtschs Website „musikalische Gesamtkunstwerke in rituellen Zusammenhängen“ entwickelt. Die Auftritte der Formation erstrecken sich häufig über lange Zeiträume, sie beziehen Multimedia-Elemente mit ein und finden, wie jüngst ein sechsstündiges Konzert direkt am Zürichsee, nicht selten an ungewöhnlichen Schauplätzen statt.

Aus dem Wunsch nach einer Band, die in Clubs auftreten und „mit mehr Power spielen“ könnte, gründete Bärtsch im Jahr 2001 Ronin, zunächst als Trio mit Kaspar Rast und dem vielseitigen schwedischen Bassisten Björn Meyer. Andi Pupato an den Shakers und anderen Perkussionsinstrumenten kam 2002 dazu. „Es kommt häufig vor, dass die Rasseln und Shakers die ganze Band emporheben. Gegen Ende von Modul35 auf dem neuen Album gab Manfred den Shakers im Stereomix eine leicht stärkere Präsenz durch die Positionierung im Raum, dadurch scheint das Ganze auf eine höhere Groove-Ebene zu geraten. Und doch ist die Veränderung kaum auszumachen. Ein homöopathisches Verständnis von Percussion-Einsatz! Wir denken in dieser Band viel über Präzision nach und sehen den Perkussionisten nicht als extrovertierte Figur, wie in Fusion- oder Salsa-Bands. Anstatt sehr frei oder äußerlich aktiv zu spielen, kümmert er sich mit seinen Woodblocks und Gongs, seinen Rasseln und Glocken mehr um die rhythmischen Bestandteile der Mikro-Phrasierung.“

Andi Pupato hat afro-kubanische und afrikanische Musik ebenso gespielt und studiert wie Flamenco. Björn Meyer hat eine starke Verbindung zur schwedischen Volksmusik und spielt in der experimentellen „Tripfolk“-Gruppe Bazar Blå. Kaspar Rast, Sohn eines Geigenbauers, entstammt einer musikalischen Familie, in der das Erbe der Schweizerischen Volksmusik gepflegt wird. „In der Band habe ich wahrscheinlich am wenigsten praktische Erfahrungen aus Kindertagen mit Traditionen der Volksmusik oder Worldmusic. Aber ich liebe beispielsweise Bartóks Behandlung der Volksmusik oder Strawinskys diesbezügliche Neuerfindungen. Meine Affinität zu diesen Dingen ist ebenso stark wie meine Gefühle für die rituelle Musik Japans. Andererseits glaube ich, dass ihre Folk-Erfahrungen meinen Kollegen dabei helfen, meine Musik sehr natürlich aufzufassen.“ Neuestes Mitglied der Band ist der 22-jährige Klarinettist Sha, dessen Künstlername die schlichte Kurzform des helvetischer klingenden Stefan Haslebacher ist. Inzwischen sorgt er in der Schweizer „New Minimal“-Szene selbst für Aufsehen. „Schon mit 19 hatte Sha ein gutes Gespür für Phrasierung und unsere Art von Patterns, und er hat sich musikalisch ständig weiter entwickelt.“ Im November 2004 begannen Bärtsch und Rast ihre regelmäßigen Montags-Sessions in Zürich – ganz bewusst als Veranstaltungen mit Werkstattcharakter und variabler Besetzung. „Als ich zu entscheiden versuchte, welche Musiker auf dem ECM-Album vertreten sein könnten, wurde mir schnell klar, dass es jene sein sollten, die bei den Montagskonzerten die meiste Hingabe zeigten. So kam ich auf Ronin plus Sha, der jede Woche dabei war. Ich mag den Sinn für Atem in seiner Phrasierung sehr, aber auch die pointierte rhythmische Präsenz, die er hineinbringt.“

Die meisten Stücke auf "Stoa" sind durchkomponiert, dabei öffnen sich aber auch Spielräume für gewisse improvisatorische Freiheiten. Die Einleitung zu Modul 36 mit Björn Meyers Bass und Bärtschs Obertonakkorden ist beispielsweise frei improvisiert. Und auch durch die Konzerte kommen neue Details hinzu: Mehrere Abschnitte von 36, darunter die schnellen Unisonolinien von Klavier und Bassklarinette ergaben sich als zusätzliche Einfälle beim Spielen. Bärtsch arrangierte sie und fügte sie der Komposition hinzu. „Wir hatten auf Tournee schon intensiv an dem Material gearbeitet, hatten es entwickelt und ‚geklärt’“, sagt Bärtsch. „Aber der Klang der Stücke hat viel mit dem feinen Sensorium des Produzenten für Anordnung und Schwerpunkte zu tun und mit seiner Aufmerksamkeit für scheinbar nebensächliche Details. Gegen Schluss von Modul 35, in dem dunkel tönenden Abschnitt mit dem ‚Klaviersolo’ schlug Manfred beispielsweise vor, die helle Glocke wegzulassen. Das öffnete den Raum, machte den Klang des Teils bedeutungsvoller und beweglicher und ließ den Abschnitt weniger offensichtlich strukturiert erscheinen. Eine solche Kleinigkeit kann die ganze Energie verändern.“ Sha behandelt die Melodie relativ frei in dem fließenden Abschnitt von Modul 32, und die äußerst perkussive Bassklarinette in 33ist ebenfalls eine einfallsreiche Ausle-gung der komponierten Basslinie. Relativ häufig kombinieren die Ronin-Musiker ihre Module auch, wie im Fall von Modul 38_17, in dem eine ältere Konstruktion einer neuen überlagert wird.

Stoa wurde von Manfred Eicher mit dem Toningenieur Gérard de Haro im Mai 2005 in den Studios La Buissonne in Pernes-les-Fontaines, Frankreich, aufgenommen. Bei einem speziellen Release-Konzert wird die Platte am 10. März 2006 im Zürcher Club Kaufleuten der Öffentlichkeit vorgestellt. Im März schließen sich weitere Termine in Bern, Basel, Berlin, Memmingen und München an. Im Mai spielt Ronin beim Jazzfestival Novara. Ständig aktualisierte Informationen finden Sie unter www.nikbaertsch.com.

Back