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About ECM

Vladimír Godárs rund einstündige Kantate „Mater“ setzt sich aus sechs in sich eigenständigen Werken zusammen, wobei das eröffnende „Maykomashmalon“ zum Abschluss wiederholt wird. Die Besetzungsstärken reichen vom Trio für Stimme, Viola und Cello bis hin zum Tutti von Soli, Chor und Streichorchester. Ein durchgehendes Klangcharakteristikum ist die Verwendung historischer Streichinstrumente in tiefer Stimmung, wobei auch typische Barockinstrumente wie Chitarrone und Cembalo zu hören sind.

Alle Stücke – sie entstanden zwischen 1997 und 2005 – widmen sich Aspekten des menschlichen Lebenskreislaufs. Lateinische und slowakische Textvorlagen, Jiddisches und Christliches, sakrale und weltliche Gesänge verbinden sich unter dem überkonfessionellen Thema „Frau“ respektive „Mutter“: als Beschützende, Tröstende, Trauernde und als Himmelskönigin. „Die Jungfrau Maria gilt als Wohltäterin des polnischen und des slowakischen Volks“, sagt Vladimír Godár. „Mutter ist in der slawischen Welt zugleich auch ein Symbol für das Mutterland, und das Bild der Mutter, die ihren eigenen Sohn begraben muss, ist eines der erschütternsten Bilder unserer Vorstellungswelt, weil es die Fundamente und den Fortbestand des Lebens selbst in Frage stellt.“

„Ecce Puer“ auf ein Gedicht von James Joyce wurde unter Leitung von Andrew Parrott 1997 von der Sängerin Emily van Evera und dem Barockgeiger John Holloway uraufgeführt, der auf seiner ECM-Einspielung „Unarum Fidum“ im selben Jahr auch Godárs Bearbeitung der Ciaconna von Antonio Bertali vorlegte. „Stálá Mater“, das in slowakischer Sprache gesungene Stabat Mater, wurde dagegen unmittelbar von Ivá Bittovás Kunst angeregt: „Von allen geistlichen Texten hat mich das Stabat Mater immer am meisten angezogen“, sagt Godár. „Als ich die Vertonung Arvo Pärts zu hören begann, erschien mir diese derart perfekt, dass ich eine neue Version zunächst für redundant hielt. Erst als ich Ivá kennen lernte, ihre musikalische Intuition, Energie und Disziplin, da wusste ich, dass ich ein Stabat Mater für sie würde schreiben können. Ihr Gesang ist rein und voller Emotion und ihre Aussprache exzellent.“

In der Folge arbeiteten Bittová und Godár bei einer Reihe von Projekten zusammen, unter anderem für die Aufnahme der „Mährischen Volkspoesie in Liedern“ von Leoš Janáček, bearbeitet von Godár. Der Komponist unterstützte die Sängerin darüber hinaus bei der Vorbereitung ihrer Zusammenarbeit mit den Bang on a Can-All-Stars, die auch auf CD festgehalten wurde. 2003 gaben die Musiker der hier vorliegenden Aufnahme beim Musikfestival von Bratislava schließlich ein gemeinsames Konzert unter dem Motto „Lamentations, Meditations, Jubilations“, bei dem die neuen Kompositionen „Magnificat“ und „Regina Coeli“ hinzukamen.

Vladimír Godár, geboren 1956 in Bratislava, wurde in seiner Heimatstadt zunächst in Zwölftontechnik und seriellen Kompositionsverfahren ausgebildet. Doch dann entdeckte er die Alte Musik für sich. „In den siebziger Jahren entstanden bei uns eine ganze Reihe von Ensembles, die sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben. Ich spielte damals viel Continuo, zunächst am Klavier, später am Cembalo. Das waren wichtige Momente meines musikalischen Lebens. Aus diesen Verbindungen ging später das erste bedeutendere slowakische Barock-Ensemble, Musica aeterna, hervor, in dem auch der Geiger Miloš Valent seine Karriere begann. Die Auseinandersetzung mit Alter Musik veränderte meine Vorstellung von zeitgenössischem Komponieren von Grund auf. Ich wurde mir klar darüber, dass die Grundsätze des Schöpferischen relativ sind, und dass unterschiedliche Denkansätze zu ganz verschiedenen Ergebnissen führen können.“

Trotz seiner Bewunderung für Komponisten wie Ligeti, Lutoslawski, Berio, Xenakis oder Górecki intensivierte Godár seine Studien der Vokalpolyphonie der Renaissance während seines einjährigen Stipendienaufenthalts in Wien noch. „Der Kontakt zu meinem Wiener Professor, Roman Haubenstock-Ramati, beschränkte sich auf insgesamt zehn Minuten, aber ich verbrachte ganze Wochen in der Bibliothek, wo ich de Vitry, Machaut, Dufay, Ockeghem und viele andere studierte.“ Prägend wurde die Lektüre des Romans „Doktor Faustus“ von Thomas Mann, insbesondere dessen berühmtes 25. Kapitel mit der Diskussion zwischen Leverkühn und dem Teufel.

„Jeder Klang trägt das Ganze, auch die ganze Geschichte mit sich“, lautet der zentrale Satz des Teufels, den Godár auf sehr persönliche Weise deutete. „Unter dem Einfluss von Thomas Mann verlor ich den Glauben an den Fortschritt in der Kunst und entwickelte die Idee einer Art musikalischer Archäologie“, schreibt der Komponist in seinem Begleittext zu Mater. „Kunst baut auf existierenden Texten auf, sie ist die Auslegung von Texten, insofern ist jedes neue Kunstwerk ein Palimpsest.“ Ganz bewusst integriert „Mater“ daher Elemente existierender Texte, seien diese nun verbaler oder musikalischer Natur: Die Zwischenspiele der alten slowakischen Wiegenlieder lehnen sich an Renaissance-Kompositionen für Gamben-Consort an, das „Magnificat“ basiert auf der traditionellen Intonation, wie sie sich etwa in Monteverdis „Marienvesper“ findet. „Regina Coeli“ ist dem Musiziergestus der frühen Alte-Musik-Bewegung in der Slowakei nachempfunden. Und die Gesamtordnung von „Mater“ ist angeregt von einer Kurzgeschichte des tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal.

Godár gilt als einer der wichtigsten Musikologen der Slowakei und war 1991-96 Herausgeber der Slowakischen Musikzeitschrift Slovenska Hudba. Für seine Werke erhielt er zahlreiche nationale Preise. In der Saison 1993/94 war er Composer in Residence des Philharmonischen Orchesters der Slowakei. Godár hat sich darüber hinaus einen Namen als bedeutender Filmkomponist gemacht.


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Iva Bittová, zu deren musikalischen Partnern Musiker wie Fred Frith und Tom Cora zählten, gilt als eine der bemerkenswertesten Stimmkünstlerinnen unserer Zeit, bekannt besonders für ihre temperamentvolle Verbindung von Gesang und Violinspiel. Sie wurde 1958 im nördlichen Mähren (Tschechische Republik) in eine musikalische Familie hineingeboren und wuchs mit der Volksmusik ihrer Heimat auf, wurde aber auch von Roma- und außereuropäischer Folklore beeinflusst. Nachdem sie schon früh eine Geigenausbildung begonnen hatte, studierte sie Gesang, Ballett und Schauspiel und war eine erfolgreiche Theater- und Filmschauspielerin bevor sie ihre internationale Karriere als Sängerin und Geigerin begann. Bittová ist gleichermaßen in der klassischen Musik zu Hause – sie tritt in Mozart-Opern auf und nahm eine Auswahl von Janáček-Liedern in Arrangements von Vladimír Godár auf Tonträger auf – wie in der New Yorker Avantgardeszene und der osteuropäischen Folklore. Als produktive Komponistin hat sie zahlreiche Werke vorgelegt. Ihren Stil bezeichnet sie als „meine eigene, ganz persönliche Folklore“. Iva Bittová lebt in der Nähe von Brünn.

Der Geiger und Bratscher Miloš Valent entstammt einer Familie slowakischer Volksmusiker und wurde gleichzeitig in Klassik und traditioneller Musik ausgebildet. Nach seinem Diplom am Konservatorium von Bratislava war er Mitglied und Konzertmeister verschiedener Orchester, seit 1997 auch in Stephen Stubbs’ Barockorchester Teatro Lirico. Valent unterrichtet Barockgeige und Kammermusik in Genf, Malmö und Bremen. Bei ECM ist er auf Stephen Stubbs’ Aufnahme „Teatro Lirico“ zu hören, die Anfang 2006 erschien. Seit kurzem ist er Teil von John Potters Dowland-Projekt. (Eine neue ECM-Produktion ist in Vorbereitung.) Miloš Valent war es, der Manfred Eicher während eines Aufnahmeprojekts auf „Mater“ aufmerksam machte.

Solamente Naturali wurde 1995 in Bratislava von Konzertmeister Miloš Valent als flexibles Barockensemble von bis zu 25 Musikern gegründet, das sich neben dem gängigen Repertoire besonders weniger bekannten Werken der Barockzeit annimmt. Das Orchester hat eine feste Konzertreihe in Bratislava und hat Reisen durch Österreich, die Tschechische Republik und Finnland unternommen.

Marek Štryncl wurde 1974 im Norden Böhmens geboren und studierte in Teplice Cello und Dirigieren. 1992 gründete er das Barockorchester Musica Florea. Als Cellist hat er in bedeutenden europäischen Barockensembles mitgewirkt. Künstler wie Magdalena Kožena haben unter seinem Dirigat Werke von Bach, Zelenka und anderen eingespielt.

28-seitiges Booklet mit einer Composer’s Note in englischer Sprache. „Mater“ wurde im Frühjahr 2006 von Pavian Records, Bratislava, für den tschechischen und slowakischen Markt veröffentlicht.

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