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About ECM

Der Titel “Oxymoron” – in der Rhetorik die aus einander scheinbar widersprechenden Begriffen gebildete Figur – liefert ein angemessenes Bild für eine Musik, die heterogene musikalische Idiome einander gegenüberstellt, durch plötzliche Kontraste und gleichzeitige Bewegungsabläufe in unterschiedlichen Geschwindigkeiten gekennzeichnet ist und auf diese Weise raffiniert gestaffelte Räume öffnet. Räume voller aufregender Geschehnisse, die doch stets mit Sinn für architektonische Proportionen und spannungsvolle Dramaturgie erdacht sind. Hans-Klaus Jungheinrich formuliert es in seinem Essay zur vorliegenden CD so: „Indem jede musikalische Qualität in sich auch ihr Gegenteil ausbildet…entsteht so etwas wie Explosivkraft. Die dramatische Lebendigkeit der Musik entspringt somit der Strenge selbst.“

Tüürs viertes ECM-Album, das zur Gänze aus Erstaufnahmen jüngerer Werke besteht, ermöglicht es dem Hörer, die stilistische Entwicklung des Esten seit den frühen neunziger Jahren nachzuvollziehen. Die Interpretationen entstanden im engen Austausch zwischen Komponist und Musikern, die sich allesamt seit mehreren Jahren mit seinem Schaffen auseinandersetzen. „Dedication“ ist mit Abstand das früheste der hier vorgestellten Werke. „Ich habe es einerseits als Ruhepunkt zwischen den dramatischeren Werken in diese Programmfolge eingebaut, zum anderen aber auch deshalb, weil ich es für eines meiner wichtigsten Kammermusikstücke überhaupt halte“, sagt Erkki-Sven Tüür. „Ursprünglich hatte ich es als dreisätzige Cellosonate konzipiert, doch dann, bei der Arbeit, stellte ich fest, dass es so wie es war eigentlich schon vollständig war. Als Kuldar Sink – er war in den sechziger Jahren eine der wichtigsten Figuren der estnischen Avantgarde – 1995 starb, entschied ich mich, das Werk seinem Andenken zu widmen.“

„Ardor“ das weit ausgreifende Marimba-Konzert in drei Sätzen, das auf Anregung des Solisten dieser Aufnahme und im gemeinsamen Auftrag der Gulbenkian-Stiftung und der BBC entstand, offenbart, nach den Worten des Komponisten, „meine Suche nach einer harmonisch reicheren Sprache, insofern ist es ein Übergangswerk auf dem Weg zu meinem jetzigen Stil.“ Besagter Stil, der in dem knapp zwanzigminütigen Ensemblestück „Oxymoron“ zum ersten Mal voll zur Entfaltung kommt, ist Resultat eines gleichzeitigen Strebens nach Reichtum und Einheitlichkeit des Harmonischen. „Vektorielle Schreibweise“ nennt Tüür dieses Verfahren, weil feste Intervallfolgen, einem numerischen Code vergleichbar, die gesamte Komposition dominieren. Diese Intervallfolgen werden in Originalgestalt, geweitet und gestaucht parallel geführt, so dass „die Stimmführung im weiteren Sinne den Projektionen von Vektoren in verschiedene Richtungen folgt.“ Das eröffnende Chorstück „Salve Regina“ aus dem Jahre 2005 ist ein besonders gut nachvollziehbares Beispiel dieser Technik, die Tüür inzwischen konsequent anwendet.

Viel Raum für Zufälligkeiten scheint es bei seinem gewissenhaften und sehr genauen Arbeitsstil nicht zu geben – und doch war Tüür selbst einigermaßen überrascht, als er beim Hören des Erstschnitts der vorliegenden Aufnahme feststellte, dass alle vier Stücke – Opera sehr unterschiedlichen Zuschnitts und Klangcharakters – sich um den gemeinsamen Achsenton „C“ drehen. Die zentrale Bedeutung dieses „C“ fällt nicht nur beim Blick in die Partituren ins Auge, sie ist auch deutlich hörbar, insbesondere in den jeweiligen Anfangstakten. „Es ist interessant zu beobachten, wie sich mein musikalisches Denken seit ‚Dedication’ gewandelt hat, und wie sich dieses Denken dennoch immer wieder auf ähnliche Elemente bezieht.“

Konstruktive Strenge führt bei Tüür niemals zur dogmatischen Starre. Gerade umgekehrt scheint die „vektorielle“ Technik eine große Produktivität entfesselt zu haben. Momentan arbeitet er an seiner sechsten Sinfonie und an Auftragswerken für das Australische Kammerorchester, das Münchener Kammerorchester und das Hilliard Ensemble. „Das am besten geeignete Instrument scheint mir derzeit das Orchester zu sein; hier kann ich mich am freiesten ausdrücken“, sagt Tüür.

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Erkki-Sven Tüür, geboren 1959 auf der estnischen Insel Hiiumaa, studierte Schlagzeug und Flöte an der estnischen Musikakademie. Seine wichtigsten Kompositionslehrer waren Jaan Rääts und Lepo Sumera. 1979 gründete er die Rockband „In Spe“, die in Estland bald hohe Popularität genoss. Sein internationaler Erfolg als Komponist seit 1989 zog zahlreiche Aufträge von wichtigen Solisten, Ensembles und Orchestern in Europa und Nordamerika nach sich, darunter jenen für die (bisher einzige) Oper „Wallenberg“, die 2001 in Dortmund uraufgeführt wurde. Thomas Larcher hob, zusammen mit dem HR-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi, im November 2006 in Frankfurt Tüürs Klavierkonzert aus der Taufe. Beim „Auftakt“-Festival zum Saisonbeginn der Frankfurter Alten Oper wird Tüür im September 2007 in einem speziellen Komponistenporträt gewürdigt. Paavo Järvi wird die vierte Sinfonie dirigieren, das Ensemble Modern führt „Oxymoron“ auf. Unter den Interpreten sind ferner die Geigerin Carolin Widmann, die Junge Deutsche Philharmonie und das Frankfurter Museumsorchester.
“Oxymoron” ist die vierte ECM-Produktion, die ausschließlich Tüürs Werken gewidmet ist nach “Crystallisatio” (ECM 1590), “Flux” (ECM 1673) und “Exodus” (ECM 1830). Tüür lebt auf Hiiumaa und in Tallinn.

Der 1975 geborene und mit mehreren Preisen ausgezeichnete portugiesische Perkussionist Pedro Carneiro ist einer der führenden Solisten seiner Sparte und regelmäßiger Gast der internationalen Orchester und Spezialensembles. Er hat zahlreiche eigens für ihn geschriebene Werke uraufgeführt und widmet sich, mit Partnern wie Michael Mantler, überdies dem Jazz und der improvisierten Musik.

Olari Elts wurde 1971 in Tallinn geboren, gewann 2000 den internationalen Sibelius-Dirigierwettbewerb und wurde im folgenden Jahr zum Chefdirigenten des nationalen Sinfonieorchester Litauens berufen. Er dirigiert regelmäßig führende Orchester in Deutschland, England, Australien und Neuseeland und ist Gründer und künstlerischer Direktor des Nyyd Ensembles. Das Nyyd-Ensemble bestritt seinen ersten Auftritt 1993 beim Festival für zeitgenössische Musik in Tallinn, das denselben Namen trägt („nyyd“ ist das estnische Wort für „neu“). Das variabel besetzte Ensemble ist spezialisiert auf zeitgenössische Komponisten aus dem baltischen Raum und pflegt überdies ein Repertoire, das von Debussy bis zu Heiner Goebbels reicht.

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