Nicolas Gombert: Missa Media Vita In Morte Sumus

The Hilliard Ensemble

Featured Artists Recorded

May 2002, Propstei St. Gerold

Original Release Date

24.01.2006

  • 1Media vita in morte sumus
    (Traditional, Nicolas Gombert)
    06:09
  • Missa Media vita
    (Traditional, Nicolas Gombert)
  • 2Kyrie04:33
  • 3Gloria07:34
  • 4Salve Regina
    (Traditional, Nicolas Gombert)
    08:44
  • 5Anima mea liquefacta est
    (Traditional, Nicolas Gombert)
    06:56
  • Missa Media vita
    (Traditional, Nicolas Gombert)
  • 6Credo10:15
  • 7O crux, splendidior
    (Traditional, Nicolas Gombert)
    06:32
  • Missa Media vita
    (Traditional, Nicolas Gombert)
  • 8Sanctus08:37
  • 9Quam pulchra es
    (Traditional, Nicolas Gombert)
    04:52
  • Missa Media vita
    (Traditional, Nicolas Gombert)
  • 10Agnus Dei05:23
  • 11Musae Iovis
    (Traditional, Nicolas Gombert)
    06:19
Preis der deutschen Schallplattenkritik, Bestenliste 2/2006
 
Nicolas Gombert: 16th-century, born in Flanders, a leading musical figure in Spain at Emperor Charles V’s court… For 400 years his music slumbered, but specialist choirs such as the bold and peerless Hilliard Ensemble are now getting drunk on his vocal counterpoint. Very intoxicating. Music that lifts the spirit and gives no hiding place to performers. Not that the Hilliards need one.
Geoff Brown, The Times
 
It’s the right group to tackle Gombert’s complex polyphonic works. The middle voices power the majority of the four- to six-voice mass movements, yet David James’ high-register countertenor and Robert Macdonald’s subwoofer-ready bass tones act as outstanding bookends to the contrapuntal wonders of the “Media vita in Morte Sumus” motet, as well as in five movements from “Missa Media Vita”… The Hilliard crew does justice to Gombert with his complex moving lines and dynamics, and gives the composer the respect he deserves.
Brian Truitt, Washington Examiner
 
Die Messen und Motetten des um 1500 unweit von Lille geborenen Nicolas Gombert gehören zum Schönsten, was die franko-flämische Polyphonie des 15. und 16. Jahrhunderts hinterlassen hat. Aus ihnen spricht der Wunsch, die Zeit zu überwinden, vielleicht gar den Tod. ... Kompositionen wie Gomberts sechsstimmige Motette „Media in vita in morte sumus“, die zugehörige Parodiemesse „Missa Media Vita“ oder die ergreifende Klage „Musae Iovis“, die er auf den Tod seines Lehrers Josquin komponierte, haben das Zeug zur Droge. Und ihr Suchtpotenzial wird deutlich gesteigert, wenn man sie derart vollendet singt wie jetzt das Hilliard Ensemble.
... Tatsächlich verleiht vor allem das pausenlose Fließen der meist fünf oder sechs Stimmen der Musik eine vollkommene, zeit- und weltlose Schönheit. Intervallreibungen und Dissonanzen, die Gombert ohne Rücksicht auf die Regeln seiner Zeit geradezu suchte und die das Hilliard Ensemble wunderbar expressiv auskostet, intensivieren diesen Eindruck. Wer 76 Minuten lang über den Sinn des Lebens und den Gang der Welt nachdenken möchte, dem seien Gombert und die Hilliards empfohlen – allen anderen auch.
Oswald Beaujean, Die Zeit
 
Nicolas Gombert war vielleicht der größte Kontrapunktiker des 16. Jahrhunderts. Wie die Fäden eines Gewebes fließen bei ihm die Stimmen im polyphonen Satz dahin. Nichts an dieser von Ruhe und Zeitlosigkeit erfüllten Musik lässt die politisch und weltanschaulich erregten Zeitumstände ihrer Entstehung ahnen. Dem gleichmäßigen Strömen seiner Missa Media vita in morte sumus wird das Hilliard Ensemble mit gewohnter Perfektion gerecht – eine CD für die Insel!
Uwe Schweikert, Partituren
 
 
 
EN / DE
The Hilliard Ensemble’s interpretation of motets by Guillaume de Machaut released on ECM New Series in 2004 was hailed by the international press as an outstanding artistic achievement: “This is a landmark recording and a courageous venture“, wrote David Fallows in Gramophone. The disc won several awards and in 2005 it was nominated for a Grammy. By highlighting Nicolas Gombert the ensemble – which for this repertoire is augmented by Andreas Hirtreiter and Robert Macdonald – continues its explorations of medieval and renaissance polyphony which have lead to unanimously acclaimed ECM-recordings of major works by Perotin, Tallis, Orlando di Lasso, Gesualdo and a selection of pieces by Palestrina and Victoria.

Biographical details on Nicolas Gombert are scant. Born shortly before 1500, probably in southern Flanders, there is some evidence that he was a pupil of Josquin Desprez. Starting in 1526, as a member of the chapel choir of Charles V of Spain, he travelled the Empire extensively. Scholars believe he served as an unofficial court composer since his works were printed by major publishing houses around Europe and were widely known. However the only record of his death is to be found in the 1567 treatise on the “Paesi bassi” by the Italian diplomat Ludovico Guicciardini who argued that Gombert was one of “the true masters of music, the ones that have restored it and given it back its perfection.” The high esteem in which Gombert was held during his lifetime is evident from the number of contemporary masses based on material from his works. Orlando di Lasso was influenced by him, and the young Claudio Monteverdi was one of his ardent admirers. As Uwe Schweikert reasons in his liner notes, the elaboration and density of Gombert’s contrapuntal writing “bears all the traits of a music, which in 1562/63 motivated Catholic radical reformers to their infamous attack on polyphonic music in liturgy altogether at the Trent council.” In fact the comprehensibility of the sacred texts is almost obliterated by the sophisticated imitative writing. As a result, the five- and six-part textures, in their uninterrupted flow, tend to attain the status of autonomous musical works of art.

The CD’s programme is opened by the six-part motet Media Vita, one of Gombert’s undisputed masterpieces. The composer’s predilection for dark colours is demonstrated by the setting for five male voices and only one “superius” part. Equally characteristic is his restraint in the use of outward expressivity like melodic word painting, ornamentation or clear caesura that could disturb the inward meditative flow. The motet Media Vita provides the musical basis for the Missa Media Vita. Extensive references are clearly audible particularly in the first bars of the respective movements, where the opening of the motet is quoted. However, in the progress of the piece the material is used in a much freer way. Another six-part masterwork closes the carefully constructed programme: the motet Musae Jovis, a musical homage to Josquin Desprez.
„Diese Aufnahme ist ein Meilenstein und ein sehr mutiges Unternehmen“, urteilte David Fallows in der Zeitschrift Gramophone, als im Jahre 2004 bei ECM New Series eine Auswahl der Motetten Guillaume de Machauts mit dem Hilliard Ensemble erschien. Die Produktion erhielt zahlreiche Auszeichnungen, 2005 wurde sie für einen Grammy nominiert.
Mit Nicolas Gombert setzt das – hier um Andreas Hirtreiter und Robert Macdonald verstärkte – Ensemble nun seine wissenschaftlich fundierten Erkundungen der Vokalpolyphonie des Mittelalters und der Renaissance fort, die in den vergangenen Jahren bereits zu Maßstab setzenden Aufnahmen wichtiger Werke von Perotin, Orlando di Lasso, Thomas Tallis und Carlo Gesualdo geführt haben.

Biographisch ist Nicolas Gombert nur in Umrissen fassbar: Geboren wohl kurz vor 1500 im südlichen Flandern, soll er Schüler des großen Josquin Desprez gewesen sein. Als Mitglied der kaiserlichen Kapelle Karls V seit 1526 lebte er in verschiedenen spanischen Städten und begleitete den Kaiser in die entlegensten Winkel seines immensen Reiches. Offensichtlich fungierte er als eine Art inoffizieller Hofkomponist: Seine Werke wurden von den führenden Verlegern Europas veröffentlicht und fanden weite Verbreitung. Den einzigen Hinweis auf seinen Tod verdanken wir einem italienischen Diplomaten, der in einer 1567 veröffentlichten Abhandlung über die Niederlande erwähnt, dass Gombert gestorben sei.

Jener Lodovico Guicciardini war es auch, der Gomberts Bedeutung in die Worte fasste, er sei einer jener „wahren Meister der Musik, die sie erneuert und zur Vollendung geführt haben.“ Schon zu Lebzeiten war Gombert hoch geschätzt, wie nicht zuletzt an den zahlreichen zeitgenössischen Parodiemessen über seine Kompositionen abzulesen ist. Orlando di Lasso wurde von ihm beeinflusst, und auch der junge Claudio Monteverdi zählte zu seinen Bewunderern. Musikgeschichtlich bildet Gombert eine Brücke zwischen der Generation Josquins und den späten Meistern der Renaissance-Polyphonie wie Lasso und Palestrina. Wie Uwe Schweikert in seinem Begleittext zur vorliegenden CD deutlich macht, trägt die äußerst kunstvolle und dichte imitatorische Schreibweise des Komponisten alle Züge jener Musik, die 1562/63 „zum bekannten Angriff katholischer Radikalreformer gegen die Praxis der mehrstimmigen Figuralmusik auf dem Konzil von Trient führte“: Die Verständlichkeit der liturgischen Texte tritt gegenüber der hoch entwickelten Kontrapunktik in den Hintergrund, die zäsurarmen fünf- respektive sechsstimmigen Gewebe entwickeln sich zu quasi-autonomen musikalischen Kunstwerken. Als solche nehmen sie in ihrer Geschlossenheit und perfekten Ebenmäßigkeit für sich ein.

Die sechsstimmige Motette Media Vita, die diese CD eröffnet, gilt allgemein als einer der Höhepunkte in Gomberts Schaffen. Seine Vorliebe für dunkle Klangfarben ist bereits an der Besetzung für nur eine hohe Stimme, jeweils zwei hohe und zwei tiefe Tenöre und einen Bass ablesbar. Typisch ist auch die Zurückhaltung gegenüber jeglicher Form äußerer Expressivität wie Tonmalerei, Verzierungen oder deutlichen Gliederungseinschnitten. Die Motette Media Vita bildet den musikalischen Ausgangspunkt der Missa Media Vita, die sich, charakteristisch für die verbreitete Praxis der Parodiemesse, eng auf sie bezieht. Deutlich hörbar wird dies vor allem in den Anfangstakten der jeweiligen Sätze, in denen das Eingangsmaterial der Motette jeweils kurz aufgegriffen wird. Dabei wird das entliehene Material im weiteren Verlauf allerdings sehr frei behandelt. Das sorgfältig komponierte Programm des Hilliard Ensembles stellt den Sätzen der Messe insgesamt sechs Motetten gegenüber. Den Abschluss bildet ein weiteres sechsstimmiges Meisterwerk, die Motette Musae Jovis, eine musikalische Huldigung an Josquin Desprez.