31.10.2025 | Reviews of the week

Reviews of the week

The new recording Cellular Songs by Meredith Monk is acclaimed in French and German media

 

L’imagerie propre à Meredith Monk y est partout perceptible dans un renouvellement cellulaire qui fait de l’incantation vocale, en trio ou en quintette, une force d’attraction irrésistible. Le primitif (vocalises, phonèmes) et le sophistiqué (contrepoint, distorsions de timbre) y fusionnent sous l’égide de la fantaisie. Sommet de cet art de la transformation, ‘Happy Woman’ constitue une véritable performance de chamane.

Pierre Gervasoni, Le Monde

 

Zellen sind basale Bausteine des Lebens, die sich reproduzieren, die oft auch mutieren und stets Botschaften und Möglichkeiten enthalten, die über den Status quo der Zelle hinausweisen – ein wunderbares Beispiel für Kooperation, meint Meredith Monk, und dazu eine geradezu utopische Metapher für die menschliche Gesellschaft. Ihre ‘Cellular Songs’ sind nun Beispiele einer fugenlosen, wie selbstverständlich inszenierten Kooperation. Sie entwickeln sich aus basalen Motiven und errichten daraus intensive, erstaunlich abwechslungsreiche und auch dramaturgisch ausgefeilte Klanggegenstände. Alles bleibt stets durchhörbar bei Meredith Monk, jede Variation bildet sofort ein präzises Muster und bereichert und verändert das Vorhandene. Jeder dieser Songs bildet ein überraschend konkretes Objekt, eine Art mehrdimensionaler, ständig rotierender Klang-Skulptur, die die Aufmerksamkeit weniger auf eine fertige Oberflächenstruktur lenkt als auf den Prozess ihrer Entstehung im Zuge eines sorgfältig geplanten Arbeits- und Kooperationsprozesses.

Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau

 

In ‘Cellular Songs’ – so der Titel – geht es um das ganz Kleine, in dem sich Großes verbirgt, um musikalische Zellen, die sich zu weiten Klang-Landschaften entwickeln. Diese Musik wirkt nicht wie ein fertiges Ergebnis, sondern wie ein spannender Prozess. Man hört, dass sie aus gemeinsamem Experimentieren entstanden ist. Und man spürt, dass es hier um mehr geht als um ein musikalisches Miteinander, nämlich um die Utopie einer harmonischen, kooperierenden Gesellschaft. Für sie stehen fünf Frauenstimmen. Meist singen sie unbegleitet, a cappella, also schutzlos. Und oft klingt die Musik sehr meditativ. Meredith Monk geht es um Atmosphären, Gefühlszustände. […] Texte benutzen Meredith Monk und ihr Ensemble nicht. Sie verweilen im assoziativen Feld der reinen Vokalklänge. Bis auf eine Ausnahme. Da singt Monk ganz alleine, und der Titel des Stücks sagt alles. ‘I’m a happy woman’ – ‘Ich bin eine glückliche Frau’. Wer sich auf die leisen, feinen Töne dieses Albums einlässt, der glaubt ihr aufs Wort.

Susanne Benda, Südwestrundfunk

The freshly released album Close by Steve Tibbetts delights US and German reviewers

 

Accompanied by Anderson and drummer JT Bates, the guitarist delivers three multi-part cuts as well as several thematically related tracks. In an essay, he states that, ‘Music is as close to magic as we mortals have … Music is a twilight language. The job is to translate some shadow into sound.’ That’s exactly what happens across these 20 tracks. […] ‘Close’ is (mostly) gentle in its sophisticated, meditative articulation. That said, the taut rumbling drums and barely restrained distortion in places lets the listener know that this set based in reverie could just have easily roared.

Thom Jurek, All Music

 

Tibbetts uses his amplified axes as textural elements, painting backgrounds full of grey clouds and twilight illumination over which he explores thoughtfully meandering melodies. Drummer JT Bates and longtime percussion partner Marc Anderson provide tribal rumblings that keep a sense of momentum, if not strict time, and keep the foundation pitching like an undulating ocean. Multi-chapter epics like ‘Remember’ and ‘We Begin’ present duets of ragged beauty and empathic dissonance, each song a deceptively tranquil dance between introspective and extroversion. While most of ‘Close’ exists in a meditative space, it’s not new age wallpaper – there’s always plenty going on under the surface of a Tibbetts piece to keep your ears on edge. […] ‘Close’ takes us on the kind of enigmatic but enticing journey we’ve come to expect from Tibbetts: strange and beautiful.

Michael Toland, The Big Takeover

 

Schon als Tibbetts mit Studioaufnahmen begann, war der Perkussionist, Musikethnologe und Rhythmus-Poet Marc Anderson sein verlässlicher Begleiter. Beide haben im Zusammenspiel mit Manfred Eicher einen Sound entwickelt, den Tibbetts heute mit folgenden Worten charakterisiert: ‘Musik ist eine Sprache der Dämmerung. Die Aufgabe besteht darin, Schatten in Klang zu übersetzen.’ Diese Schatten sind von ganz unterschiedlicher Tönung. Mit verzerrter E- oder akustischer Gitarre improvisiert er auch auf ‘Close’ in langen, manchmal auch schneidend scharfen, fast immer in Trance versetzenden Chorälen. Auch wenn der erste Eindruck etwas anderes vermitteln mag – in den akustischen Botschaften dieses Magiers wiederholt sich nichts. Er erweitert zarte Linien zu mächtigen Stämmen, er bricht Figuren auf, er vermittelt phonetische Landschaften, meist in einfühlender Ästhetik. Die Zeit scheint auch auf ‘Close’ keine, oder zumindest nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Viel wichtiger ist das stete Anfluten der Musik, ihr liquider Charakter. Vieles kommt einem beschwörenden Ritual nahe, wobei es immer um den Weg, um das sanfte Pulsieren geht, um die schonende Veränderung, anstatt dem anvisieren eines direkten Zieles. Melodien, geschweige eine Virtuosität, wie auch immer, sind in diesen akustischen Metamorphosen kaum auszumachen. Dafür ist ‘Close’ zu organisch entrückt, zu abstrakt – einfach schön.

Jörg Konrad, Kultkomplott

A US reviewer on the album And I heard a voice by Vox Clamantis with works of Arvo Pärt

 

Much of the music, other than the opening ‘Nunc dimittis’ and the ‘Sieben Magnificat-Antiphonen’, is quite recent. So for both performers and composer, the album has the qualities of a culmination, and it is impressive indeed. One hears the precision of which this group is capable right at the beginning of the program in the ‘Nunc dimittis’, and one also experiences the degree to which the ECM label is poles ahead of anyone else sonically in recording Pärt’s music; the sound from the Haapsalu Cathedral in Estonia is profoundly meditative but not distant; ‘cathedral’ is not quite the right word for this compact structure. There are many attractions here, including the unusually detailed text-painting in the ‘Sieben Magnificat-Antiphonen’ (hear the dissonance in ‘O Sproß aus Isais Wurzel’), the deep mysticism of ‘Für Jan van Eyck’, the declamatory ‘Kleine Litanei’, and the presence of ‘And I heard a voice…’, which, although its title is in English here, is Pärt’s only setting of a sacred text in the Estonian language. These add up to an album that gathers power as it proceeds, and marks a milestone in the recording of a composer who is rightly recorded often, but rarely this well.

James Manheim, All Music

An Austrian reaction to the new trio recording Tokyo by Wolfgang Muthspiel, Scott Colley and Brian Blade

 

Mit Wolfgang Muthspiel an den Gitarren, Scott Colley am Kontrabass und Drummer Brian Blade haben wir drei Großmeister am Start, deren exzellentes Zusammenspiel auf den Alben ‘Angular Blues’ (2020) und ‘Dance of the Elders’ (2023) bereits eindrucksvoll dokumentiert wurde und auf zahlreichen Tourneen in aller Welt wie guter Wein in edlen Fässern nochmals hervorragend gereift ist. Die drei kommunizieren längst auf einem Niveau, wo sich keiner mehr beweisen muss, und die Erfüllung nicht im sich Ergehen in egozentrischen Egotrips, sondern in der wechselseitigen Inspiration und im sich gegenseitig immer noch überraschen Können besteht. Hier herrschen ein ausgeprägter Sinn für Ästhetik, die nie gekünstelt wirkt, eine perfekte Balance zwischen ausgeklügelten Kompositionen und inspirierten Improvisationen, eine außerordentliche Sensibilität und ein sicheres Gespür für feinste Nuancen, die selbst für den ausgebufften Jazz-Fan beim x-ten Anhören noch überraschende Trouvaillen bereithalten. […]  Muthspiel beweist seine grandiose Könnerschaft auf klassischer Akustik- und auf E-Gitarre, lässt fingerfertig die Läufe perlen, zaubert Stimmungen und stellt – im Gegensatz zu manchen seiner Gitarristenkollegen – den feinfühligen Triolog stets über eitle Saiten-Eskapaden. In seinen Eigenkompositionen, die von starken Melodien, spannenden Harmonien und abwechslungsreichen Rhythmen geprägt sind, spannt er stilistisch einen breiten Bogen. […] Man kann ‘Tokyo’ also durchaus als eklektisches Meisterwerk betrachten, allerdings als eines, das von der unverwechselbaren Handschrift Wolfgang Muthspiels geprägt ist und in der Realisierung durch ein grandioses Trio seine Vervollkommnung gefunden hat.

Peter Füssl, Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

The album Libro Primo by Rolf Lislevand is recommended in a German music monthly

 

Nach Ansicht Lislevands, der hier auf den beiden aus der Lautenfamilie stammenden Instrumenten Erzlaute (Basslaute) und Chitarrone (Theorbe) spielt, enthält das ‘Libro primo’ eines Komponisten oft seine radikalste und inspirierendste Musik. Den Beweis liefert er auf diesem Album. Zu hören sind neun Werke von Johannes Kapsberger (ca. 1580 – 1651), zwei von Diego Ortiz (1510-76) und je eines von Giovanni Paolo Foscarini (ca. 1600-47), Bernardo Gianocelli (gest. vor 1650), und Lislevands eigene ‘Passacaglia al modo mio’, die mit Allusionen an Bach bis Keith Jarrett gespickt ist. Für das, was Lislevand uns auf dem nur knapp 47 Spielminuten langen Album präsentiert, gibt es nur ein Wort: atemberaubend! Selten habe ich Lautenmusik auf einem derart schwindelerregenden Niveau und in einer derart perfekten Klangqualität zu hören bekommen. Von den ersten Takten an macht ‘Libro primo’ süchtig. Unbedingte Empfehlung!

Burkhard Schäfer, Fono Forum (‘Empfehlung des Monats’)

A UK reaction to the album The Surrounding Green by the Fred Hersch Trio

 

An understated trio gem from US pianist Fred Hersch. A studio recording – albeit made at the Auditorio Stelio Molo in Lugano – ‘The Surrounding Green’ is a masterclass in reserved interplay. Hersch has played with bassist Drew Gress and drummer Joey Baron often over the years, but never together. It means that their exploration of three Hersch originals and four uncommon jazz tunes is fresh, revelatory and engrossing.

Garry Booth, BBC Music Magazine