18.10.2024 | Reviews of the week
Early German reactions to Anja Lechner’s new cello solo recording with works by Bach, Hume and Abel
Dass sie zwei von Johann Sebastian Bachs sechs Solosuiten in das Zentrum des Programms gestellt hat, wird weiter nicht überraschen. Schließlich haben sie innerhalb der Cello-Literatur einen ähnlichen Status wie Beethovens Exemplar im Rahmen der Violinkonzerte aller Zeiten. Das Besondere von Lechners Auswahl liegt in der Erweiterung des Repertoires, in der Präsentation von Kompositionen Tobias Humes und Carl Friedrich Abels, die die Bach-Suiten einrahmen. […] Das Beiheft gibt Auskunft über die Herkunft der Cello-Literatur jener Jahre aus der Tradition der Viola da gamba, die nach und nach in Vergessenheit geriet und heute nur noch von Spezialisten gepflegt wird. Zurück vorwärts von der Gambe zum Cello: Lechners Strich ist weich, unaggressiv, grenzte es nicht an ein Klischee, würde man sagen wollen: weiblich. Stellenweise nähert sich der Klang der Orgel an. Man hat den Eindruck, als hörte die Künstlerin mehr Stimmen als sie auf dem spröden Instrument produzieren kann. Sie spielt sozusagen in einem imaginären Quartett. Eine wertvolle Würdigung einer Musikerin und ihres Instruments.
Thomas Rothschild, Kultura-extra
Anja Lechner, in Kassel geboren, steht mit ihrer Spielweise und mit ihrem Werk als eine Art Mittlerin zwischen den Jahrhunderten und Stilrichtungen. Aus der Welt der Klassik kommend zog es sie schon vor Jahrzehnten in die Randbereiche des Jazz und anderer außereuropäischer Musiktraditionen. Mit ihrem Rosamunde Quartett, das so wunderbare Werke wie ‘The Seven Last Words of our Saviour on the Cross’ von Joseph Haydn, oder Tigran Mansurians ‘String Quartets’ einspielte, ihre Duo-Aufnahmen mit Dino Saluzzi, Vassilis Tsabropoulos und Pablo Márquez oder die Aufnahmen mit dem Tarkovsky Quartet, alles zeugt von einer immensen Ausdruckskraft, von einer beeindruckenden Interpretationsfähigkeit und ihrer Kulturen verbindenden Persönlichkeit. Nun ist erstmals ein Soloalbum von der Cellistin erschienen, mit Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Carl Friedrich Abel und Tobias Hume, aufgenommen in der Himmelfahrtskirche München. Anja Lechner zeigt zu diesen Vorgaben einen sehr respektvollen und formbewußten Zugang. Mit Kompetenz und Autorität, mit spürbarer Innigkeit und ohne störendes Pathos wird sie eins mit diesen Musikgeschichten. Es ist eine Intensität des Verinnerlichens, die hier zu spüren ist, eine würdevolle Interpretation, deren Emotionalität tief berührt. […] Eine der vielleicht bewegendsten Einspielungen in diesem Herbst.
Jörg Konrad, Kultkomplott
The freshly released album Ashes To Gold by the Avishai Cohen Quartet is welcomed by UK and German reviewers
This is a bold and vivid musical statement from trumpeter Avishai Cohen, and music born out of tragedy, conflict and the horrors of war torn Israel. […] As one would expect, the music is a powerful and emotionally charged work, yet for all the angst there is a sense of calm expressed in the lyrical playing of the quartet that ensures that there is light at the end of the tunnel. Cohen has also used the opportunity to add a new voice to the quartet by featuring himself on flute as well as trumpet and flugelhorn. From the lovely introduction on the instrument over a rubato passage from bass and piano before he picks up his trumpet and the composition suddenly magnifies and intensifies the drama as Cohen squeezes out anguished notes from his horn. […] The concluding segment of the suite is the magnificent ‘Part Five’ that builds from a dancing piano ostinato, that surfaces throughout the piece, and evolves through Cohen’s majestic trumpet playing that moves from the urgent to the gently lyrical. His control of timbre and dynamics along with forays into the upper register give the music a depth and meaning beyond the notes. As if to provide relief after such a monumental build up of tension, the trumpeter brings the album to a close with a beautiful reading of ‘Adagio assai’ (from Ravel’s Piano Concerto in G major) with Cohen’s full toned flugelhorn dominating throughout, superbly accompanied by double bass prior to being joined by piano and drums. As a fitting finale Cohen plays the lyrical ‘The Seventh’ composed by his teenage daughter. Once again, as with many of ECM’s recent releases, we hear the further artistic development of an artist on their roster. Artistic growth that benefits from the long term support of their label which is seen less and less frequently these days; but a policy that Manfred Eicher and ECM thankfully seem intent on maintaining.
Nick Lea, Jazz Views
So entstand ‘Ashes To Gold’: unterbrochen von den Sirenen, die die Bevölkerung in die Bunker rufen, im Drunter und Drüber einer Gesellschaft im Krieg. Es ist keine Musik der Stärke geworden. Nichts in der titelgebenden Suite ist kämpferisch oder auch nur aggressiv. Cohen und sein Quartett klingen verletzt, sanft, manchmal auch wütend, eine Passage aus dem berühmten Klavierkonzert von Maurice Ravel, die er einstreut, sucht Trost in der Vergangenheit. Das letzte Stück des Albums, eine Komposition von Cohens Tochter, lebt von einer ganz einfachen Melodie. Es ist Musik, die immer wieder klingt, als würde jemand für sich allein pfeifen – in einem sehr dunklen Wald.
Tobias Rapp, Der Spiegel
German and Austrian reviewers are enchanted by the album Za Górami by Alice Zawadzki, Fred Thomas and Misha Mullov-Abbado
Eine ganz eigene Farbe als Trio hat dieses Ensemble gefunden. […] Auf diesem Album hört man Musik, die über die Genres hinweg ein stilvolles Eigenleben entfaltet: Feiner, elegischer Gesang, ein Klavier, das mit zartestem ‘Touch’ arbeitet (das Wort ‘Anschlag’ passt dazu definitiv nicht) und ein Bass, der mit viel Fingerspitzengefühl Räume öffnet. Bei einigen der Stücke kommt man schon bei der Sprache ins Rätseln, denn es sind traditionelle Lieder in der Sprache der sephardischen Juden, Ladino. […] . Der Pianist Fred Thomas hat zudem einen Text von ‘Ulysses’-Autor James Joyce vertont (‘Gentle Lady’) – in einer Musik, die Worte wie auf Blättern voller Tautropfen trägt und sie sanft hin- und herwiegt. Ein Muster an klischeefreier Schönheit und hauchfeiner musikalischer Kommunikation sind die Aufnahmen dieses Trios, das viel von der samtweich-klaren Stimme Alice Zawadzkis lebt und dennoch ein Dreieck gleichbedeutender Partner ist. […] . Man kann staunen, Entdeckungen machen und sich an der respektvollen musikalischen Aneignung der Musik unterschiedlichster Kulturen erfreuen. Ein Musik-Erlebnis von nachhaltiger Schönheit.
Roland Spiegel, Bayerischer Rundfunk
Das Titelstück ‘Za Górami’ geht auf ein altes polnisches Volkslied zurück, wird hier aber vom Trio auf höchst eigenwillige Weise dramatisiert und inszeniert und zeitigt – wie auch die anderen Titel dieses erstaunlichen, im Auditorio Stelio Molo RSI in Lugano aufgenommenen und von Manfred Eicher produzierten Debütalbums – eine unglaublich starke emotionale Wirkung, auch wenn man der Sprache nicht mächtig ist. Das gilt auch für die in Ladino getexteten Lieder sephardischer Juden, die die Hälfte des Repertoires ausmachen […] Alice Zawadzki verleiht jedem Lied mit ihrer klaren, ausdrucksstarken Stimme, die unendlich zart und gleichermaßen kraftvoll klingen kann, einen ganz eigenen Charakter. Wobei der Part von Misha Mullov-Abbado und Fred Thomas, der nicht nur Piano spielt, sondern zwecks Klangfarbenerweiterung auch zum mittelalterlichen, italienischen Streichinstrument Vielle greift und an den Drums auch Perkussives beisteuert, weit über die übliche Begleitfunktion hinausgeht. Ihre musikalischen Einfälle rücken die Stimme zwar ins Rampenlicht, tragen aber auch unglaublich viel zur intensiven Atmosphäre bei, die über das gesamte Album hinweg etwas auf seltsame Weise Zeitloses und verträumt Nächtliches ausstrahlt. […] Und dass das alles zusammen wie aus einem Guss wirkt, macht das wirklich Zauberhafte dieses Albums aus, das weit über die Jazz-Szene hinaus großes Interesse verdient!
Peter Füssl, Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Die Songs strahlen mit ihrer hohen Intensität. Besonders die in der Ladino-Sprache gesungenen traditionellen Lieder, die den Hauptteil de Albums ausmachen, beeindrucken sehr.
Christian Bakonyi, Concerto
A UK reaction to the album Keel Road by the Danish String Quartet
The sequence on this album is a multi-faceted diamond, nominally linking five northern nations on a sea journey […] The heart is perhaps ‘Once a shoemaker’ , following on from an old field recording of the song on which it’ s based: is it here we get the distinctive , introspective sound of the clog-fiddle? The voices add magic; so does the whistling, adding extra pleasure to Sørensen’s exquisite violin playing in ‘As I Walked Out’. You’ll be sure to recognize ‘Lovely Joan’ from the middle section of Vaughan William’s ‘Fantasia on Greensleeves’; how he would admire the strange harmonies towards the end. And the Norwegian traditional melody at the end brings warm humanity back to full strength. The mixing varies acoustics to good effect, and the discreet percussion effects in several tracks add to the poetry. I’m now longing for a date when I can catch this team in live action again.
David Nice, BBC Music Magazine
Austrian media are impressed by the album Imaginary Cycle by Florian Weber
Die Klangsprache vereint jazzorchestrale Klänge mit symphonischen Anleihen und komponierte Elemente mit improvisierten Passagen. Als Bindeglied zwischen diesen Welten fungieren die Flötistin Anna-Lena Schnabel und Michel Godard mit dem seltenen Klang des Serpents. Ob komponiert oder improvisiert, Interaktion ist ein zentraler Aspekt von ‘Imaginary Cycle’. Ob zwischen Klavier und den Blasinstrumenten oder zwischen den Ensemblemitgliedern, alle Beteiligten sind im steten Austausch miteinander und kreieren gemeinsam den großen Spannungsbogen von ‘Imaginary Cycle’. Aufgenommen unter den optimalen klanglichen Bedingungen des ehemaligen Sendesaals von Radio Bremen, lädt diese CD unsere Ohren auf einen Ausflug in eine neue, vielschichtige Klangwelt ein.
Xavier Plus, Österreichischer Rundfunk
Die Kombination Klavier-Brassensemble ist wahrlich außergewöhnlich. Und so klingt das vorliegende Album des Pianisten Florian Weber auch – die Instrumentierung gelingt hervorragend. Es beginnt mit einem solistisch-pianistischen Ausbreiten im Stile von Bach und der französischen Impressionisten. Wie ein Präludium breitet Weber exzellenten Kontrapunkt aus, bis nach zwei Minuten die Bläser einsetzen und sehr geschmackvoll im Fortlaufen des Albums symphonische Akzente setzen. […] Bilder und Landschaften wurden erschaffen; es klingt wunderbar ‘klassisch’ und doch zeitgenössisch, wenn in eine wohltönende Klangkaskade dissonante Bläsereinwürfe grätschen. Musik, Moment und Flow – ohne dass eines der Elemente prioritär erscheint. Mehrere Jahrhunderte Musikgeschichte, die hierbei aufeinander treffen.
Lukas Meissl, Concerto
The album Seeing by the Tord Gustavsen is recommended in a UK monthly
On this new album, the profound religious sensibility that was always lurking just beneath the surface of his music has now broken cover. Hence the first track is the traditional melody ‘Jesus gjør meg stille’ (‘Jesus make me quiet’). The religious theme continues with the original composition ‘The Old Church’, followed by two ancient hymn tunes adapted by Johann Sebastian Bach – the 16th century ‘Christ lag in Todesbanden’ (‘Christ lay in death’s bonds’) and ‘Auf meinen lieben Gott’ (literally ‘In my dear God’). […] Although ‘Seeing’ is in no way a departure from Gustavsen’s signature style, it’s a mature work, with a more serene, settled feel to it than we have heard before. Perhaps it has to do with the fact that he seems to have found his perfect band: drummer Jarle Vespestad has been with him since the beginning of his career, but the bass slot was always fluid – until now. In Steinar Raknes he has found his perfect foil. The final track, ‘Seattle Song’ is perhaps the best example of this, with a simple melody and repeated bass line that were apparently improvised at a sound check in 2023.
Peter Jones, Jazzwise (Editor’s choice)
A German music magazine on the new album Unfolding by Louis Sclavis and Benjamin Moussay
‘Unfolding’ ist genau das, was der Titel verspricht. Vor dem oder besser im Ohr entfalten sich überraschend klar konturierte Stimmungsbilder. Sclavis spielt zwar Klarinette und Bassklarinette, erweckt aber nicht selten den Eindruck, er würde auch noch in andere Holzblasinstrumente wie zum Beispiel die Oboe schlüpfen. Moussay hat die gesamte Farbpalette des französischen Klavierspiels seit Eric Satie verinnerlicht. Ganz behutsam tasten sich die beiden Meister aneinander heran, immer die Position des Anderen antizipierend, aber nicht im sofortigen Augenblick darauf eingehen müssend, sondern sich eher gegenseitig umspielend. Das Album impressionistisch zu nennen ist sicher nicht verkehrt. Gerade Sclavis haben wir auch schon ganz anders gehört, aufmüpfig, ja wütend. Doch mit Moussay hat er den Partner gefunden, in dessen musikalischer Umarmung er zu Ruhe und Einhalt kommt. ‘Unfolding’ ist ein schönes Album voller bittersüßer Erinnerung.
Wolf Kampmann, Jazzthing